Überbringer von Botschaften und Wegweiser

Hans Pfleiderer • 24. Februar 2019

mit Englischer Übersetzung

Die neue Monografie Scenography / Szenografie 2 - Staging Space / Der Inszenierte Raum beschreibt die Schaffensperiode der letzten 21 Jahre des auf spektakuläre Museumsgestaltung spezialisierten Szenografen Prof. Uwe R. Brückner und seines Ateliers seit Firmengründung im Jahre 1997. Der 432 Seiten umfassende Band, ein Nachschlagwerk seiner Gestaltungslehre, besteht aus zwei illustrierten Blöcken von Projektbeschreibungen von 1997-2013 und 2014-2018 und flankieren den 142-seitigen Mittelteil Philosophie.

Ist es heute nicht befremdlich, ins Museum zu gehen? Der Historiker Hans Peter Schwarz zitiert Thomas Bernhard in Frank den Oudstens ähnlich ambitionierten Buch über Szenografie space.time.narrative: the exhibition as post-spectacular stage : „Die Leute gehen nur ins Museum, weil ihnen gesagt wurde, was eine zivilisierte Person zu tun hat, nicht aus Interesse. Die Menschen interessieren sich nicht für Kunst.“ Nun wollen wir mal sehen.

Die Einleitung zu dem vorliegenden Buch hat die Überschrift Atelier Brückner und die Gesellschaft des Spektakels und wurde von dem Schweizer Grafiker Ruedi Baur, der mit Uwe R. Brückner an Projekten und in der Lehre gearbeitet hat, geschrieben. Der Titel ist eine Anspielung auf das 1967 erschienene Buch Die Gesellschaft des Spektakels des Franzosen Guy Debord, der als Gesellschaftskritiker die Konsumgesellschaft anprangerte. Er wird hier mit dem Satz „Wo die reale Welt in vereinfachte Bilder verwandelt wird, werden aus diesen einfachen Bildern reale Wesen und die effizienten Motive für hypnotisches Verhalten.“ zitiert. Das klingt ziemlich esoterisch, ist aber ein politisches Statement. Ruedi Baur spricht im gleichen Atemzug von „Demokratie“, die dem Museumsbesucher wiedergegeben werden soll. Die Häuser beschränken sich allerdings nicht nur auf die wahlberechtigten Bürger, sondern besonders auf ihre Sprösslinge. Die Besucher kommen ja als Individuen, nicht um zu wählen, sondern schlichtweg, um sich und ihre Kinder zu unterhalten oder nebenbei zu bilden. Aber wenn hier mit Debord auf uns geschossen wird, dann wird im gleichen Tenor mit Adorno geantwortet. Er schrieb zu etwa derselben Zeit: „Alle Kultur wird zur Ware; Kunst definiert sich über ihren ökonomischen Wert, nicht nach ästhetischen Gesichtspunkten, die für die Analyse des autonomen Kunstwerks der bürgerlichen Gesellschaft eine Rolle spielen.“ Damals tummelten sich jede Menge Neo-Marxisten auf der Bühne des Lebens und polemisierten eine Gesellschaft, die so demokratisch wie noch nie in West-Deutschland in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts war, gerade weil jenseits des Eisernen Vorhangs mit der Planwirtschaft Kultur hergestellt und eine Utopie erträumt wurde. Es gab die berechtigte Angst, dass Kulturgüter zu Konsumgütern verkommen könnten. Guy Deborg schrieb weiter in seiner Voraussetzung Nr. 30 in demselben Buch: „Die Entfremdung des Zuschauers zugunsten des angeschauten Objekts drückt sich so aus: je mehr er zuschaut, um so weniger lebt er; je mehr er sich in den herrschenden Bildern des Bedürfnisses wieder zu erkennen akzeptiert, um so weniger versteht er seine eigene Existenz und seine eigene Begierde.“ Das war eine ziemlich düstere und geringschätzende Einstellung. Aus Eine kurze Geschichte der Menschheit von Yuval Noah Harari entnahm ich: „Die Geschichte der menschlichen Kulturen wurde von drei großen Revolutionen geprägt“, die kognitive Revolution vor etwa 70000 Jahren, die landwirtschaftliche Revolution vor rund 12000 Jahren und die vor knapp 500 Jahren ihren Anfang nehmende wissenschaftliche Revolution. Ihr untergeordnet war die französische Revolution eine gesellschaftspolitische und der summer of love der Hippie-Bewegung in San Francisco des Jahres 1967 und dem Woodstock Festival 2 Jahre später möglicherweise eine musikalische.

„If you’re going to San Francisco,

be sure to wear some flowers in your hair.

If you come to San Francisco,

Summertime will be a love-in there.“

Song San Francisco von The Mamas and the Papa s, performed by Scott McKenzie in 1967.

Die herrschaftliche Verwaltungsform von Kunst und Kultur ist mittlerweile eine Industrie geworden, die gerade auch die Künstler und Intellektuellen nötigt, Artefakte und Wissen in einer Kosten-Nutzen-Relation zu produzieren. Daher befolgen die Institutionen heute weitgehend den Auftrag unserer momentanen Herrschaftsform, die der Auftraggeber auch für die Szenografen ist. Erich Fromm nannte die Ideologie der Kulturindustrie „sozialer Kitt“. Karl Marx geht sogar so weit, im Zusammenhang von eben diesen Konsumgütern von Fetischismus zu sprechen, die religionsähnliche Verehrung von Objekten, die unser Sein und Wohlbefinden bestimmen. Sigmund Freud nannte es schlicht eine „emotionale Fixierungen“ in unserer Gesellschaft und die liese sich vielleicht mit LSD sprich Lysergsäurediethylamid auflösen, was zu dem Zeitgeist dieser vergangenen Epoche passte.

Wie wollen die Künstler nun die nächste Revolution anpacken? Der Szenograf und seine Disziplin sollten allerdings darüber erhaben sein, sich für eine politische Ideologie instrumentalisieren zu lassen, auch wenn das unter dem humanistischen Bildungsanspruch und dem romantischen Befreiuungsideal geschehen würde. Diese Zeiten sind vorbei, aber sie wirken noch stark in unseren Köpfen. Kirchen und Religionen sind seit Jahrhunderten mit der Renaissance, der Aufklärung und den Erkenntnissen der modernen Wissenschaften obsolet geworden. Dieses Vakuum versucht die Gesellschaft mit Kultur zu füllen und hat neue Mythen erfunden, die das Zusammenleben in unseren komplexen Habitaten ermöglichen und für Abwechslung und Genuss sorgen sollen. Da wir uns auf den unschätzbaren und ökonomischen Wert von Kulturgütern geeinigt haben, werden diese als Attraktionen gehandelt und in Museen öffentlich zur Schau gestellt. Und ja, es mutet wie ein Spektakel an und es gib nach wie vor die Angst, dass Kulturgüter zu Konsumgütern verkommen könnten.

Museen und ihre Ausstellungsgestalter haben vorerst die Besucher, für die die Tore der heiligen Hallen geöffnet werden, im Visier und müssen sich allenfalls vor der medialen Kritik und eventuell den Gremien der Kulturbeauftragten verantworten. Wenn Millionen von Besuchern kommen, dann kann man getrost glauben, dass die Politik ein Interesse haben könnte, die Inhalte vorzugeben. Wissen ist nach wie vor in den Händen von Institutionen. Früher waren es die Monarchen, Religionsführer und Universitäten, heute sind es Google & Co. Museen hatten ihren Ursprung in der Antike. Diese gaben ihnen auch den vom altgriechischen Wort μουσεῖον abgeleiteten Namen, was so viel wie Heiligtum der Musen bedeutet und neben anthropologischen und künstlerischen Deponaten auch Bücher und Schriften sammelte. Im Humanismus wurden dann die ersten säkularen Institutionen gegründet. Zweck eines Museums war und ist die fachgerechte und dauerhafte Aufbewahrung von historischen Zeugnissen zu einem bestimmten Thema oder kulturellen Bereich. Diese Sammlungen werden den Besuchern zugänglich gemacht. Schauen wir auf die Geschichte der Museen zurück, dann waren diese vor ein paar Jahrhunderten nur für Adlige, Gelehrte und Studenten der Universitäten zugänglich. Sie gingen oftmals aus Wunder- oder Kunstkammern der Könige, kirchlicher Würdenträger oder Kunstsammlungen der reichen Elite hervor. Heute sind manche Städte gerade für ihre Museen berühmt und es wird eifrig am Image gefeilt, weil das dem Tourismus zuträglich ist. Die größten Museen der Welt sind das Chinesische Nationalmuseum in Beijing , die Hermitage in St. Petersburg , der Louvre in Paris und das Metropolitan Museum in New York City . Das British Museum in London wurde 1759 eröffnet und gilt als das älteste Museum der Welt. Aber auch in unseren deutschen Museen haben wir Dank der Ausstellungsgestaltungen von Atelier Brückner und seinen szenografischen Kollegen mittlerweile einen internationalen Ruf und ziehen Gäste aus der ganzen Welt an. Dies sind wichtige Orte, um sich über die Eigenheiten und Werte von Kulturen zu informieren. Eintrittsgelder sind heute neben staatlicher Förderung wichtiger Bestandteil der Finanzierung. Von der Antike bis ins 19. Jahrhundert war z.B. das Theater der wichtigste kulturelle Treffpunkt in den städtischen Hochburgen. Im 20. Jahrhundert wurde dieser Ort allerdings vom Kino und seit den 50 Jahren vom Fernsehen abgelöst. Leute blieben lieber zu Hause und tranken ihr Bier oder rauchten einen Joint. Um dagegen ein attraktives Angebot bereitzustellen, entstanden ca. 1980 Erlebnismuseen, bei denen die „experience“ und Inhaltevermittlung im Mittelpunkt stand. Dieses Konzept ist nach wie vor der Standard und erlaubt Mitmachen oder Interaktivität. Anders als beim staubigen, klassischen Museum soll das Erlernen nicht mehr primär über Kognition wie Schrift, sondern ganzheitlich mit allen Sinnen erfahren werden. Bei der neuartigen Ausstellungssprache kommen selbstverständlich neueste Technologien zur Anwendung, um die Sinne, Wünsche und Interessen der mediengewohnten Besucher zu befriedigen. Diese Besucherorientierung ist auch betriebswirtschaftlicher und kundenfreundlicher. Sogenannte Science Center unterscheiden sich konzeptionell kaum von Erlebnismuseen. Sie stellen aber keine künstlerisch oder historisch wertvollen Exponate aus, sondern vermitteln wissenschaftliche Erkenntnisse mittels Experimentenaufbauten, die man oft mit einem Knopfdruck auslösen kann. Einen ganz besonderen Reiz stellen die vielen Expos oder Corporate Visitor Centers und Showrooms dar, wo so richtig geklotzt werden darf. Für den Pavillion des nationalen chinesischen Stromversorgers State Grid schaffte Atelier Brückner eine „Magic Box“, die im Jahre 2010 von 3,2 Millionen Besuchern besucht wurde. 17 Millionen LEDs mit einer 20x20 Millimeter Auflösung hinter Diffuser-Paneelen und einer 48-Kanal Tonanlage erlaubten „eine beeindruckende Synchronizität von Bewegtbild, Ton und Narration“.

Ich möchte Ihnen nun den Hauptteil dieses Buchs vorstellen. Was die Bilder und Erklärungen fast genauso gut hinbekommen wie die wirklichen Erlebnisräume in den Ausstellungen, ist ein in-Staunen-versetzen und neugieriges Wissenwollen. Durch diese inszenierten Räume entsteht eine Hyperrealität fern von der gefürchteten Hypnose. Die Themen in den 2 Kapiteln Projekte lesen sich so: Schiffsunglück, Konsumverhalten, erneuerbare Energie, Imagination, Grenzerfahrung, Landesgeschichte, Ausgrabung, Forensik, Handel, Automobil, Ethnologie, Elektrizität, Teilchenbeschleuniger, Textilherstellung, Film, Fabrikgelände, Seefahrt, Europaparlament, Sitzmöbel, Markenerlebnis, Wandmalerei, Energiefeld, Evolutionstheorie, Dampflokomotive, Demografie, Medizintechnik, Bergwelt, Wikingerschiff, Archäologie, Mobilität, Schokolade, Sonnenenergie, Älterwerden, Hutmode, Völkerkunde, Aquarium, Bauernhöfe, Fundorte, Europäische Union, Umnutzung, Chirurgie, Besucherforum, Automobillegende, Biografie, Innovation, Whisky, Uhrwerk, Kulturzentrum, Kunstverein, Ägypten.

Die hervorragend gewählten Bilder und knappen Beschreibungen sprechen ganz für sich alleine.

Auswahl an Pressefotos 1-20 (siehe Bildnachweis)

Der Mittelteil ist der umfangreichen Kreativmethode des Ateliers gewidmet, die Uwe R. Brückner schon explizit in seiner vorangegangenen Monographie Szenografie/Narrative Räume/Projekte 2002-2010 vorstellte. Er kommt aus der Architektur, was sein groß(form)artiges Ästhetikverständnis verrät, und dem Theater, wo er als Bühnenbildner wirkte. Er spricht einleitend über Theater als definierenden Einfluss in der Berufsfindung des Szenograf. Aus dem Altgriechischen leitet sich Szenografie ab von skené, ursprünglich eine Art Kiste, Umkleidekabine oder Vorhang, was Teil der Bühne wurde, und graphein, was schreiben oder malen heißt, also so viel wie eine „Bühne malen“ bedeutet. Mit den neuen Technologien um die Jahrtausendwende kam es zu einer Durchmischung der gestalterischen Disziplinen und einer Fülle von neuen Designoptionen. Sein Credo ist seit Anbeginn „Form folgt Inhalt“ oder form follows content . Davon ausgehend leitet sich seine Arbeitsweise und die des 108-köpfigen Teams ab. Der kreative Prozess, der in Workshops mit den Kunden und Kollaborateuren stattfindet, funktioniert wie ein Algorithmus und orientiert sich an Inhalt-Objekt-Raum-Rezipient-Dramaturgie = Ergebnis. Für die Rezipienten, um die es in erster Linie geht und welche die protagonistischen Exponate betrachten, bedeutet das Sinneswahrnehmung-Emotion-Erkenntnis-Bedeutung = Erlebnis. In der Konzeptphase wird mit der Synopsis und einem Exposé begonnen, dann werden Skizzen, Storyboards, räumliche Gestaltungsvorschläge angefertigt und mediale Elemente wie Grafik, Filmprojektion, Ton, usw. alles zusammen in einer matrixartigen Partitur wie Instrumente oder Stimmen organisiert und durchgespielt, bis die fertige Choreografie als Raum-Zeit-Folge in die Realität umgesetzt wird. Der Besucher eines Museums hat entgegen dem Zuschauer eines Theaterstücks, der in der Regel fest auf seinem Platz sitzt und zuschaut und zuhört, den Vorteil, dass er sich den Objekten nähern und oft sogar um sie herumgehen kann, um so die Eindrücke durch verschiedene Perspektiven zu vertiefen. Licht, Schrift und andere Mittel sind dabei Leitsysteme, um zur bloßen visuellen Wahrnehmung und Raumwirkung Informationen zu liefern, die Aufschluss geben über Entstehungszeit, Anfertigung, vielerlei Bedeutungen, Trivia und als konzeptueller Teil der Gesamtinszenierung der Ausstellung funktionieren. Dafür wählten die Kuratoren die relevanten Exponate und Inhalte aus und engagierten den Szenograf, um einen Parcours anzulegen. Uwe R. Brückner schreibt: „Im Sinne der Besucherführung wird zwischen drei Typen unterschieden: Als „free flow“ wird dem Besucher die Entscheidung überlassen, wie er die Ausstellung durchlaufen und in welcher Reihenfolge er Raum, Inhalte und Objekte erleben möchte. Demgegenüber steht der definierte Parcours, der eine festgeschriebene Route vorgibt und einer bestimmten Dramaturgie folgt“, die chronologisch, thematisch oder topografisch angelegt ist und zuletzt der optionale Parcours, der einer Ideallinie folgt, aber Exkursionen zulässt. Die Architekten und Gestalter im Atelier verstehen sich als Generalisten, die mit dem Bleistift wie auch dem Zollstock oder Hammer umgehen können. Nach in der Regel jahrelangen Planungs- und Bauzeiten, die der Komplexität und dem hohen Qualitätsanspruch geschuldet sind, werden die Hallen geöffnet und hoffentlich gefällt und inspiriert es unsere Bürger.

Was ist Szenografie heute? Eine multimediale Raum-Objekt-Inszenierung. Um was geht es? In der Konzeptphase untersucht das Atelier die Aufgabenstellung und prioritisiert Thema und Inhalte. Dann werden die Protagonisten in eine Geschichte gebettet, die nach Aristoteles Poetik die Konventionen des Geschichtenerzählens und offene Geheimnisse des Dramatischen mit Einleitung-Hauptteil-Schluß oder Exposition-Konflikt-Resolution als Tiefenstruktur verwendet. Der Höhepunkt, die Klimax darf natürlich auch nicht fehlen und da verweist Uwe R. Brückner auf Alfred Hitchcock und sein dramatisches Genie und Wissen um Spannung oder „suspense“. Subtil benutzte Hinweise auf das, was noch kommt, kann eine Geschichte vorantreiben. Die Absicht des Gestalters ist, das Erlebnis in höchstem Masse zu kontrollieren, aber nicht in einem negativen Sinne, sondern um eine originelle Erzählung, ein schlüssiges Gesamtbild und ein Raumerlebnis zu schaffen. Dabei sind die Medien nur Mittel, Instrumente oder Effekte. Auch der Raum spielt eine entscheidende Rolle und will verstanden werden. Was sind „seine Dimensionen, seine Raumhülle, Materialität, und seine Bespielbarkeit … Der Raum wird durch seine Öffnungen wie Eingang und Ausgang, aber auch durch Fenster, die den Raum zu einem Tageslichtraum oder bei Abschottung zu einer Black Box verwandeln, charakterisiert.“ Er bietet auch unser Grammatiksystem und Semantik mit Substantiv/Adjektiv/Verb/Syntax als Analogie und prozessförderndes Ordnungsprinzip an. In dieser reichen Werkzeugkiste und Erfahrungswelt verwandelt sich sein Geschick in Magie.

Skizze 1 von Uwe R. Brückner

Skizze 2 von Uwe R. Brückner

Skizze 3 von Uwe R. Brückner

Szenografen sind durch ihre Ausbildung oder interdisziplinären Interessen in Bereichen wie Architektur, Theater, Oper, Film, Musik, Kunst und Technologie versiert. Sie wählen ihren kreativen Prozess frei aus, um mittels empirischer Erfahrung, aber auch durch Divergenz mutig die Grenzen des Denkbaren und Machbaren zu überschreiten. Daher sind Leute wie Peter Greenaway oder Robert Wilson in vielen unterschiedlichen Domänen zuhause und es entstanden Kunstwerke wie z.B. Filme von Stanley Kubrick, einigen der Mainstream-Regisseure aus Hollywood wie James Cameron oder Architekturen von den Genialen der Neuzeit wie Norman Foster, Frank Gehry oder Coop Himmelb(l)au. Das Atelier Brückner hat es schon lange bewiesen, dass es zu diesen Kreis gehört.

Hier sind noch 2 erhellende Beispiele aus dem Theorieteil:

1) Der Afrikanische Pavillon auf der Expo Saragossa 2008 präsentierte afrikanische Länder in einem der bestehenden Pavillons. Der Pavillon war im Inneren eine Blackbox mit einer visuellen Membran, welche die Inhalte permeabel von innen nach außen transportierte. Die Medienfassade war 6 Meter hoch und 218 Meter lang. Diese bestand aus einem LED-Raster hinter windbewegten transluzenten Plättchen und erlaubte damit zwei Aggregatzustände: Die bedruckten Plättchen zeichneten die Windbewegung wolkenhaft nach. Das dahinterliegende LED-Raster bildete Panoramen mit lebensgroßen Elefanten, Giraffen oder Zebras ab.

Afrikanischer Pavillon, Expo Saragossa, 2008, Pressefotos 21-23 (siehe Bildnachweis)

2) In „That’s Opera“ vom Musikverlag Ricordi in Brüssel wurde 2008 die Struktur einer Partitur als Dauerausstellung inszeniert. Das „Präludium“ beginnt mit dem Durchschreiten mehrerer Vorhänge, hinter denen Musik spielt. Dann folgt der Raum „Libretto“, der an Rodolfos Dachkammer in La Boheme erinnert. Die darauffolgende Schatzkammer „Partitura“ zeigt in respektvoller Stille verschiedene Original von Gaetano Donizetti bis Luigi Nono. Im „begehbaren Orchestergraben“ können die Besucher die Aufführung verschiedener Opern an einer interaktiven Partitur verfolgen. Über die „Scenografia“ mit Bühnenbildern und der Schneiderei ”Voci é Costumi“ gelangen die Besucher zur „Rappresentazione“, der Aufführung einer 13-minütigen „Aida“ Fassung mit Panorama-Raumprojektion.

That’s Opera, Musikverlag Ricordi, Brüssel, 2008, Pressefotos 24-26 (siehe Bildnachweis)

Uwe R. Brückner und sein Team sind Überbringer von Botschaften und Wegweiser oder Weise des Weges, den sie sorgsam durch die vorhandenen oder neu gebauten Räume planen und somit einen gewollten, sinnvollen Zusammenhang zwischen Objekten, ihren Geschichten und der Welt schaffen.

Bildnachweis:

1) BMW Museum, München, 2008, BMW Platz , Foto: Marcus Meyer 2) Deutsche Börse, Frankfurt am Main, 2008, Umgestaltung Handelssaal, Vogelperspektive , Foto: Uwe Dettmar 3) Rautenstrauch-Joest-Museum, Köln, 2010, Prolog , Foto: Michael Jungblut 4) Magic Box, State Grid Pavilion, Expo Shanghai, 2010, State Grid Pavillon–Außenansicht Nacht–Detail , Foto: Roland Halbe 5) tim - Staatliches Textil- und Industriemuseum, Augsburg, 2010, Textil Endfertigung , Foto: Volker Mai 6) Deutsches Filmmuseum, Frankfurt am Main, 2011, Functional Models, Foto: Uwe Dettmar 7) Het Scheepvaartmuseum – Object Galleries, Ostflügel, Amsterdam, 2011, Globen , Foto: Michael Jungblut 8) Parlamentrium, Besucherzentrum des Europäischen Parlaments, Brüssel, 2011, United in Diversity, Foto: Rainer Rehfeld 9) TextilWerk Bocholt – Spinnerei, 2011, Außenansicht bei Nacht , Foto: Mac Tanó 10) Darwineum, Rostock, 2012, Themenkabinett: Baupläne des Lebens , Foto: Michael Jungblut 11) GS Caltex Pavilion, Expo Yeosu, Korea, 2012, Interaktive Blades , Foto: Nils Clauss 12) Kusch+Co Messestand, Milan Design Week, 2012, Installation , Foto: Michael Jungblut 13) Aesculap Akademie – Expertisium, Bochum, 2013, Großinstallation Mensch , Foto: Brigida González 14) Haus der Berge, Berchtesgaden, 2013, Lebensraum Wald – Winter , Foto: Michael Jungblut 15) Zukunft leben: Die demografische Chance, Berlin, 2013, Übersicht , Foto: Michael Jungblut 16) MEG - Musée d'ethnographie de Genève, Genf, 2014, MEG I Archiv , Fotos: Daniel Stauch 17) Shanghai Auto Museum – Collection Pavilion, Shanghai, China, 2014, Collection Pavilion , Foto: Shanghai Auto Museum 18) Den Blå Planet, Kastrup, Dänemark, 2015, Zustand der Ozeane , Foto: Klaus Reinelt 19) Museum Tiroler Bauernhöfe, Kramsach, Österreich, 2015, Pavillon Herrschaft , Foto: Gabriele Grießenböck 20) August Horch Museum, Zwickau, 2017, Automobil trifft Architektur, Foto: Daniel Stauch 21) E2, 22) E2 Detail , Foto: Luis Asin 23) E2 Detail , Foto: Claudia Luxbacher 24) Modell Aufsicht, 25) Prolog, 26) Partitur , Foto: A. T. Schaefer


Scenography / Szenografie 2

Staging Space / Der Inszenierte Raum

Atelier Brückner

432 pages / Seiten

Birkhäuser Verlag GmbH, Basel, 2019

Price $ 85.37 / Preis 59,95 €

Englische Übersetzung / english translation:

Messengers and Pathfinders

Book review by Hans Pfleiderer, March 7th 2019

The new monograph Scenography / Szenografie 2 - Staging Space / Der Inszenierte Raum describes the creative period of the last 21 years of the scenographer and spectacular museum design specialist Prof. Uwe R. Brückner and his studio since the company was founded in 1997. The 432-page volume, a reference work of his design theory, consists of two blocks of project descriptions from 1997-2013 and 2014-2018 and frames the 142 page long middle section philosophy.

Isn’t it strange today to go to the museum? The historian Hans Peter Schwarz quotes Thomas Bernhard in Frank den Oudsten's similarly ambitious book on scenography space.time.narrative: the exhibition as post-spectacular stage : "People only go to the museum because they’ve been told that’s what a civilised person has to do, not out of interest. People aren’t interested in art.“ Let's see.

The preface to the present book has the heading Atelier Brückner and the Society of the Spectacle and was written by the Swiss graphic designer Ruedi Baur, who worked with Uwe R. Brückner on projects and in teaching. The title is an allusion to the 1967 published book The Society of the Spectacle of the French Guy Debord, who denounced as a social critic the consumer society. He is quoted here as saying „For one to whom the real world becomes real images, mere images are transformed into real beings - tangible figments which are the efficient motor of trancelike behaviour.“ That sounds pretty esoteric, but it's in fact a political statement. Ruedi Baur speaks in the same breath of "democracy", which has to be handed back to the museum visitor. However, the venues are not limited to the eligible citizens, but especially to their offspring. The visitors come as an individual, not to vote, but simply to entertain themselves or their children or rather educate themselves. But if you shoot at us with Debord here, you'll be answered equally with Adorno. He wrote around the same time: "All culture becomes commodity; Art is defined by its economic value, not by aesthetic considerations, which play a role in the analysis of the autonomous artwork of bourgeois society.“ At that time, many neo-Marxists romped on the stage of life and polemicized a society as democratic as never before in West Germany of the second half of the twentieth century, precisely because beyond the Iron Curtain centralised plan economy manufactured culture and an utopia was dreamed up. There was a justified fear, that cultural goods could become consumer goods. Guy Deborg went on to write in the same book, statement no. 30: "The estrangement of the viewer in favour of the object being viewed expresses itself as follows: the more he watches, the less he lives; the more he accepts to recognize himself in the prevailing images of need, the less he understands his own existence and his own desire.“ That was a rather gloomy and disparaging attitude. From A Brief History of Humanity by Yuval Noah Harari I deduced: "The history of human cultures was shaped by three major revolutions," the cognitive revolution some 70,000 years ago, the agricultural revolution some 12,000 years ago, and the scientific revolution since 500 years ongoing. As derivates there were the French Revolution , which was sociopolitical, and the summer of love of the hippie movement in San Francisco of 1967 and the Woodstock Festival 2 years later possibly a musical one. The stately administrative form of art and culture has meanwhile become an industry that is also compelling artists and intellectuals to produce artefacts and knowledge in cost-benefit manner. Therefore, the institutions today largely follow the order of our current form of governance, actually the client for the scenographers. Erich Fromm called the ideology of the cultural industry "social cement". Karl Marx even goes so far as to speak of fetishism in the context of consumer goods, the religion-like worship of objects that determine our existence and well-being. Sigmund Freud called it simply an "emotional fixations" in our society and that could perhaps be dissolve and treated with LSD aka Lysergsäurediethylamid, which expressed the Zeitgeist of this past epoch.

How do the artists want to tackle the next revolution? The scenographer and his discipline, however, should be beyond submitting to political ideology, even if that would happen under the humanistic educational motives and the romantic ideal of liberation. These times are over, but they are still stuck in our heads. Churches and religions for centuries already have become obsolete during the Renaissance, the Enlightenment and the findings of modern science. This vacuum society tries to fill with culture and has invented new myths that allow us to live together in our complex habitats peacefully and to provide distraction and pleasure. Since we have agreed on the incalculable and economic value of cultural goods, they are traded as attractions and publicly displayed in museums and elsewhere. And yes, it seems like a spectacle and there is still the fear, that cultural goods could become consumer goods.

For the time being, museums and their exhibition designers have been keeping an eye on the visitors for whom the gates of the hallowed halls have been opening and, if needed, have to answer to media criticism and possibly the boards of cultural commissioners. When millions of visitors come, one can confidently believe, that politics may have an interest in dictating content. Knowledge is still in the hands of institutions. It used to be the monarchs, religious leaders and universities, today it's Google & Co. Museums had their origins in antiquity. These also gave them the name derived from the ancient Greek word μουσεῖον, which means as much as the S anctuary of the Muses and in addition to anthropological and art items also collected books and other writings. In humanism, the first secular institutions were founded. The purpose of a museum has been the professional and permanent preservation of historical evidence on specific topics or cultural areas. These collections are made available to visitors. If we look back at the history of museums, a few centuries ago they were accessible only to nobles, scholars and university students. They often came out of miracle or art chambers of kings, church dignitaries, or art collections of the rich elite. Today, some cities are famous for their museums, and they are busily working on their image because that is conducive to tourism. The largest museums in the world are the Chinese National Museum in Beijing , the Hermitage in St. Petersburg , the Louvre in Paris and the Metropolitan Museum in New York City . The British Museum in London opened in 1759 and is considered the oldest museum in the world. But also in our German museums, thanks to the exhibition designs of Atelier Brückner and his scenographic colleagues, we now have an international reputation and attract guests from all over the world. These are important places to learn about the peculiarities and values ​​of cultures. Entrance fees are nowadays an important component of financing alongside state funding. From antiquity to the 19th century, for example, theatre was the most important cultural meeting place in the urban dwellings. In the 20th century, however, this locus was replaced by the cinema and television since the 50 years. People preferred to stay home and drink beer or smoke a joint. In contrast, in order to provide an attractive offer, around 1980 experience museums were created in which the focus was on this very "experience" and content mediation. This concept has been the standard and allows participation or interactivity. Unlike the dusty, classical museum, learning is no longer to be experienced primarily through cognition like deciphering type, but holistically with all the senses. It goes without saying that the latest technologies are used in the new exhibition language in order to satisfy the senses, wishes and interests of media-savvy visitors. This visitor orientation is also more business-minded and customer-friendly. Conceptually, so-called science centres hardly differ from experience museums. However, they do not display any artistically or historically valuable exponats, but convey scientific findings using experimental setups that can often be triggered with the push of a button. The many Expos or Corporate Visitor Centres and Showrooms are a very special attraction, too, where there are big budgets to spend. For the pavilion of the national Chinese electricity supplier State Grid Atelier Brückner created a "Magic Box", which was visited in 2010 by 3.2 million visitors. 17 million LEDs with a 20x20 millimetre resolution or pixel gate behind diffuser panels and a 48-channel audio system allowed "an impressive synchronicity of moving images, sound and narration“.

I would now like to introduce you to the main part of this book now. The pictures and explanations match the real experience spaces in the exhibitions, creating amazement and curiosity for knowledge. These staged spaces create a hyperreality far from scary hypnosis. The topics in the 2 chapters projects are: Shipwreck, Consumerism, Renewable Energy, Imagination, Borderline Experience, History, Excavation, Forensics, Commerce, Automotive, Ethnology, Electricity, Particle Accelerator, Textile Production, Film, Factory, Maritime, European Parliament, Chairs, Brand Experience, Mural Painting, Energy Field, Theory of Evolution, Steam Locomotive, Demography, Medical Engineering, Mountain World, Viking Ship, Archeology, Mobility, Chocolate, Solar Energy, Aging, Hat Fashion, Ethnology, Aquarium, Farms, Locations, European Union, Conversion, Surgery, Visitor Forum, Automotive Legend, Biography, Innovation, Whiskey, Clockwork, Cultural Centre, Art Association, Egypt. The excellently chosen pictures and concise descriptions speak for themselves.

The middle part is dedicated to the extensive creative method of the studio, which Uwe R. Brückner already explicitly presented in his previous monograph Scenography / Szenografie Making spaces talk / Narrative Räume Projects / Projekte 2002-2010. He comes from architecture, which explains his profound understanding of aesthetics, and theatre, where he worked as a set designer. He talks about theatre as a defining name-giving source for the invention of the profession scenographer. From ancient Greek, scenography is derived from skené , originally a kind of shed, dressing room or curtain, which became part of the stage, and graphein , which means writing or painting, combined to ”painting a stage . With the new technologies around the turn of the millennium came a fusion of creative disciplines and a flood of new design options. His credo has always been "form follows content". Based on this, his working method and that of his committed team of 108 employees are derived. The creative process, which takes place in workshops with the clients and collaborators, works like an algorithm and is oriented to content-object-space-recipient-dramaturgy = outcome . For the recipients, who are of primary concern and view or experience the exhibition protagonists, this means sensory perception-emotion-knowledge-meaning = experience . In the concept phase, a synopsis and an exposé are written, then sketches, storyboards, spatial design proposals are made and media elements such as graphics, film projection, sound, etc. added. All together are put into a matrix-like score organized like instruments or voices and rehearsed until it amounts to the finished choreography, which will be implemented and coming as a space-time sequence into fruition. Visitors to a museum have the advantage of being able to view and approach objects, and perhaps even walk around them in order to gain impressions from different perspectives, whereas the spectator of a play is usually sitting in his seat watching and listening. Lighting, graphics and other means are guiding systems for the mere visual perception and spatial effect, which can provide information about the artefact’s time of origin, production details, context, trivia and its function as a conceptual part of the overall staging of the exhibition. For this, the curators selected the relevant exponats and content and hired the scenographer to set up a parcours . Uwe R. Brückner writes, that there are three types of routing: with "free flow“ it is left to the visitor to decide how to go through the exhibition and in what order he wants to experience space, content and objects. On the other hand there is the defined parcours , which prescribes a fixed route and follows a certain dramaturgy arranged either chronologically, thematically or topographically. Finally there is the optional track, which follows an ideal path, but allows for excursions. The architects and designers in the studio see themselves as generalists who can handle a pencil as well as a ruler or hammer. After many years of planning and construction, which are due to the complexity and the high quality standards, the venues are opened and hopefully please and inspire our citizens.

What is scenography today? A multimedial space-object staging or scenario. What is it about? In the concept phase, the Atelier examines the task and prioritizes topic and content. Then the protagonists are embedded in a story that, according to e.g. Aristotle's poetics, might use the conventions of storytelling and open secrets of drama with beginning-middle-end or exposition-conflict-resolution as its spinal structure. Of course, a climax should not be absent. Uwe R. Brückner refers here to Alfred Hitchcock and his dramatic genius and ”suspense“. Subtly used clues to what is yet to come, can drive a story forward. The intention of the designer is to control the environment to the highest degree, but not in a negative sense, but to create an original narrative, a coherent overall picture and a spatial experience. The media gadgets are only auxiliary means, instruments or effects. The room also plays a crucial role and needs to be coherent. What are "its dimensions, its space envelope, materiality, and its playability ... The room is characterized by its openings like entrance and exit, but also by windows, which turn the room into a daylight room or, in the case of being blocked off, into a black box." He also utilizes our grammar system and semantics with noun / adjective / verb / syntax as an analogy and process-driving ordering principle. This rich toolbox and world of experience transforms his skill into magic.

Scenographers are well versed through their professional training and interdisciplinary expertise in areas such as architecture, theatre, opera, film, music, art and technology. They freely choose their creative process in order to boldly transcend the limits of what is thinkable and feasible through empirical experience, but also through divergence. Therefore, colleagues like Peter Greenaway or Robert Wilson are at home in many different domains, and works of art such as films by Stanley Kubrick and some of Hollywood's mainstream directors like James Cameron or modern genius architects like Norman Foster, Frank Gehry or Coop Himmelb(l)au share the same proficiency. Atelier Brückner has long proven that they belong to this circle.

Here are 2 illuminating examples illustrated in the theoretical part:

1) The African Pavilion at Expo Zaragoza 2008 presented African countries in one of the existing pavilions. Inside, the pavilion was a black box with a visual membrane that carried the contents permeably from inside to outside. The media façade was 6 meters high and 218 meters long. This consisted of an LED grid behind wind-driven translucent platelets and thus allowed two aggregate states: The printed platelets produced a cloud-like wind movement. The underlying LED grid formed panoramas of life-size elephants, giraffes or zebras.

2) In 2008, the structure of a music score was staged in "That's Opera" by music publisher Ricordi in Brussels. The area "prelude" begins with passing through several curtains behind which music plays. Then follows the room "Libretto", reminiscent of Rodolfo's attic in La Boheme. The subsequent treasury chamber "Partitura" shows in respectful silence different original scores from Gaetano Donizetti to Luigi Nono. In the "walk-in orchestra pit" visitors can follow the performance of various operas with an interactive score. Passing through "Scenografia" with stage sets and ”Voci é Costumi“ being a tailor shop visitors arrive at the "Rappresentazione", the performance of a 13-minutes "Aida" version with panorama projection.

Uwe R. Brückner and his team are messengers and pathfinders paving the way, which they carefully plan through the existing or newly built spaces and thus create a deliberate, meaningful connection between objects, their stories and the world.

Scenography / Szenografie 2

Staging Space / Der Inszenierte Raum

Atelier Brückner

432 pages

Birkhäuser Verlag GmbH, Basel, 2019

Price $ 85.37 / Preis 59,95 €

Schreibkram - paperwork

von Hans Pfleiderer 13. Februar 2026
Ein älterer Herr lebt in einem Haus, dessen Wände dünner sind als die Haut eines Kompromisses. Man hört alles: das Geschirr, das Geflüster, den Streit, der langsam in Verzweiflung übergeht. Manchmal hört man sogar, wie der Atem des Nachbarn stockt, wenn Wut in Müdigkeit kippt. Und irgendwann, unvermeidlich, kommt das Klopfen – ein Hämmern, hart, fordernd, wie eine spießbürgerliche Aufforderung zum Schweigen. An einem gewöhnlichen Abend räumt der ältere Herr gerade Einkäufe in den Kühlschrank, repariert ein tropfendes Rohr unter der Spüle. Plötzlich wummert der Mann von unten an die Tür, die Frau schreit im Hintergrund, er solle still sein, die Kinder würden schlafen. „Hallo, Sie!“, hallt es immer wieder durchs Treppenhaus – beschämend, fast wie eine öffentliche Rüge. Er steht da, mit einer Zange in der einen, einem Netz Orangen in der anderen Hand, und fragt sich, wie er in dieser kleinen Alltagsposse zum Bösewicht geworden ist. Er verriegelt die Innentür doppelt, setzt sich auf das Sofa. Unter dem Boden tobt der Nachbarkrieg weiter – dumpfes Brüllen, splitterndes Glas, die Kakophonie einer Zivilisation ohne Stammeszugehörigkeit. Kein Trommeln, keine Gesänge, kein gemeinsamer Puls – nur das Klirren vereinzelter Existenzen, jeder in seiner kleinen Festung des Ichs. Der ältere Herr kennt dieses Gefühl der diffusen Angst schon länger. Früher, in seiner Zeit als Angestellter eines Konzerns, lernte er eine andere Art von Einsamkeit kennen: die höflich maskierte, funktionale. Umgeben von kaltem Licht und kälteren Gesichtern erlebte er Kollegen, für die Misstrauen zur zweiten Haut geworden war. Kreativität galt als Provokation, Offenheit als Verrat. Zugehörigkeit bedeutete Macht, und wer sie nicht hatte, blieb draußen – freundlich ausgeschlossen. Die Hierarchie funktionierte wie eine Dienstgradordnung der Einsamkeit. Berlin, wo der ältere Herr viele Jahre lebte, ist für ihn ein Versuchslabor der Entfremdung. Mehr als die Hälfte aller Haushalte besteht aus einer einzelnen Person. Auf dem Land dagegen, wo man sich noch Salz leiht und weiß, wer letzten Winter gestorben ist, wirkt das Wort „allein“ wie ein Fremdkörper. In der Stadt ist es längst zur Lebensform geworden – ein Stil, kein Schicksal. Unabhängigkeit nennen wir es, das noble Etikett für ein Leben ohne Zeugen. Wenn er Bekannten von jener Nacht erzählt, in der der Nachbar gegen die Tür trommelte, zucken sie nur mit den Schultern. So sei Stadtleben eben, sagen sie – als wäre Entfremdung der Preis für schnelles WLAN und Lieferdienste. Doch der ältere Herr spürt, dass mehr dahintersteckt: eine Gesellschaft, die sich ihre Feinde selbst erfindet, weil ihr das Gemeinsame fehlt. Nähe wird mit Verbindung verwechselt, Lautstärke mit Bedeutung, Ego mit Identität. Für ihn ist das Ego zur Währung unserer Zeit geworden. Es verkauft sich in Klicks und Kommentaren, in Selfies und Signaturen. Der Nachbar, der wütend gegen die Tür schlägt, verteidigt vielleicht gar nicht die Nachtruhe seiner Kinder, sondern die fragile Illusion, dass er mehr zählt als ein anderer. In einer Welt der Vereinzelten ist Bedeutung das letzte Luxusgut. Soziale Medien, denkt der ältere Herr, sind das Labor des Egos. Jeder Skandal ein Ausbruch, jeder Like ein kleiner Sieg über die Unsichtbarkeit. Wir bilden Gruppen, die nicht durch Vertrauen verbunden sind, sondern durch geteilte Abneigung. So entsteht eine Zivilisation aus verletzten Ichs – laut, fragil, überzeugt von ihrer moralischen Überlegenheit und doch pathologisch allein. Aber das Ego ist kein Zuhause. Es ist eine provisorische Behausung auf dem eisglatten Grund der Angst. Je größer es wird, desto weniger Raum bleibt für uns selbst. Früher zwang Hunger die Menschen zusammen, heute trennt sie Bequemlichkeit. Fehlt das gemeinsame Ziel, erschaffen wir künstliche Konflikte – zwischen Nachbarn, Kollegen, Nationen. Ohne Sturm, denkt er, erfinden wir Sturm, machen Wind. Er erinnert sich an den Sommer in Island, an die kargen Ebenen und den Wind, der wie ein alter Gott durch die Lavafelder zog. Dort erwartete er Einsamkeit in der Landschaft – und fand sie in den Gesichtern. Auch in diesem Land der Mythen und Mitternachtssonne fühlten sich viele verloren. Der Bildschirm hatte das Feuer ersetzt, der Algorithmus den Rat des Stammes. Vielleicht, denkt der ältere Herr, ist Einsamkeit der Preis des Überflusses. In seiner Arbeit erlebt er täglich die neue Form der Distanz: Meetings statt Lagerfeuer, Mobilfunk statt Mythen. Tugenden, die einst über Leben entschieden – Empathie, Humor, Anpassungsfähigkeit – gelten nun als Störung. Er erinnert sich an eine junge Kollegin, die man ausgrenzte, weil sie zu viele Fragen stellte. Kein Roman, sondern ein Exil hinter vorgehaltener Hand. Die Städte Europas, sagt er, sind in rechten Winkeln gebaut – eine Geometrie der Trennung. Jede Wohnung wie ein Container, jede Straße ein Korridor aus Unbekannten. Zehn Jahre kann man dort wohnen, ohne den Namen über der eigenen Klingel zu kennen. In den Bergen Italiens oder den Westfjorden Islands dagegen diktiert das Gelände noch Solidarität. Kein Dach deckt sich allein, kein Sturm wird im Singular überstanden. Die Not zwingt zur Nähe, die Fülle erlaubt Distanz. Entfremdung, erkennt der ältere Herr, hinterlässt keine blutigen Spuren. Sie zeigt sich in Schlaflosigkeit, in Angst, in einer leisen Scham, überhaupt zu existieren. Psychologen nennen das erlernte Hilflosigkeit; er selbst nennt es die sanfte Folter der Moderne. Nach jener Nacht mit dem Klopfen fühlte er sich schuldig, ohne Schuld – als hätte sein bloßes Atmen eine Grenze überschritten. Er denkt an Menschen in Krisengebieten, die er auf Reisen gesehen hat – nichts besitzend, aber einander zugehörig. Gefahr löscht das Ego. Wenn Überleben nur gemeinsam gelingt, zählt niemand mehr die Likes. Paradox: Krieg kann menschlicher sein als Frieden. Deshalb lacht der ältere Herr einmal mehr über den Streit um das tropfende Rohr, über seine eigene Ratlosigkeit. Lachen, sagt er, ist die Rettung der Würde. Es verwandelt Ohnmacht in Geschichte, und Geschichten sind das, was uns verbindet, wenn sonst nichts bleibt. Doch unter dem Lachen liegt Zorn – Zorn darüber, dass Zugehörigkeit so achtlos verloren ging, dass Städte, Technologien, Institutionen für Effizienz gebaut sind, nicht für Empathie. Wir haben uns selbst optimiert, bis kein Platz mehr für Nähe blieb. Sogar die Sprache, bemerkt er, verrät uns: Privatsphäre klingt edel, bedeutet oft nur Isolation. Autonomie klingt stark, meint häufig Verlassenheit. Wir verwechseln Getrenntsein mit Freiheit. Und doch bleibt Hoffnung. Katastrophen erinnern uns an das, was wir vergessen haben. Wenn Wasser über die Ufer tritt oder Feuer Städte verschlingt, finden Menschen zueinander. Dann teilen sie Werkzeuge, Brot, Geschichten. Dann klingt das Wort „Nachbar“ wieder wie ein Versprechen. Warum also warten wir auf den Sturm? Warum nicht jetzt, mitten im Alltag, Stammesleben zurückholen – beim Grüßen, Helfen, Zuhören? Gemeinschaft ist kein nostalgisches Relikt, sondern eine Überlebensstrategie, die neu gelernt werden muss. Entfremdung ist kein Schicksal, sie ist menschengemacht – also umkehrbar. Doch sie verlangt Mut zur Bedürftigkeit, den Mut, sich selbst nicht genug zu sein. Bedeutung entsteht nicht im Monolog, sondern im Zwischenraum, dort, wo zwei Menschen sich berühren. Wenn der ältere Herr an jene Nacht denkt – das Klopfen, das Schreien –, sieht er keine Feinde mehr. Nur zwei Menschen, beide überfordert von der eigenen Bedeutungslosigkeit, beide kämpfend um dasselbe: gesehen zu werden. Vielleicht, denkt er, sind alle Ego-Ausbrüche dieser Welt nichts anderes als unfreiwillige Lebenserklärungen – verzweifelte Beweise, dass wir existieren. Am Ende bleibt für ihn eine Erkenntnis, so schlicht wie schwer: Zugehörigkeit ist keine Bequemlichkeit, sondern Notwendigkeit. Die Zivilisation hat uns das Alleinsein beigebracht – aber nur im Stamm lernen wir, wie man lebt. Grafik: HPEntertainment © 2026
von Hans Pfleiderer 7. Februar 2026
Davos im Januar. Blauer Himmel, ungewöhnlich mild. Der Schnee auf den Hängen stammt nicht vom Himmel, sondern aus Kanonen, die nachts arbeiten. Am Tag hält die Oberfläche – noch. Die Pisten sind präpariert, die Abläufe eingespielt, die Illusion von Verlässlichkeit ist perfekt. Eine Woche zuvor war hier die Welt zu Gast. Staats- und Regierungschefs, Konzernlenker, Investoren. Das Weltwirtschaftsforum ist gerade zu Ende gegangen. Jetzt fahren wieder Skifahrer. Die Kulisse ist dieselbe, nur die Sprache hat gewechselt. Auf dem Sessellift treffe ich, Dipl. Ing. Hans Pfleiderer , Schweizkenner, auf Frank aus New York . Harvard Alumni, arbeitet an der Wall Street, gelegentlich in Washington, D.C., sagt er. Er nennt mir seinen vollständigen Namen. Er habe das Forum besucht und ein paar Tage angehängt; seine Teenager-Tochter sei nachgereist, zum Skifahren. Finanzmärkte. Politik. Er spricht ruhig, mit jener Selbstverständlichkeit, die Menschen entwickeln, die gewohnt sind, dass ihre Einschätzungen Folgen haben. Ich: Sie sind also geblieben. Frank: Ja. Das Forum ist anstrengend. Danach braucht man Distanz. Außerdem wollte meine Tochter Schnee sehen. Echten Schnee. (er lächelt kurz) Man nimmt, was man bekommt. Der Lift gewinnt an Höhe. Unter uns liegen die Hänge wie sauber gezogene Diagramme. Ich: In Europa wird derzeit viel über Neutralität gesprochen. Über ihre Grenzen, ihre Zumutungen. Auch hier oben. Und es gibt Landsleute, die hinter vorgehaltener Hand munkeln, ob es nicht konsequent wäre, Sanktionen gegen die Schweiz zu erwägen – wenn sie sich bei Rüstungslieferungen an die Ukraine zurückhält und beim Einfrieren russischer Vermögenswerte zögert. Frank: Radikal gedacht. Aber ohne reale Chance. 
(Pause.) Sie sind doch Deutscher? Ich: (mit einem leichten Schmunzeln) Ich komme aus Konstanz. Das liegt an der Schweizer Grenze. Wir gehören gewissermaßen dazu. Frank: Das erklärt den Ton. In Europa denkt man in Konsequenzen, bei uns denkt man in Wirkungen. Sanktionen sind kein moralisches Urteil, sondern ein Instrument. Und Instrumente setzt man nur ein, wenn sie greifen. Ich: Sie sprechen von Neutralität, als wäre sie eine Funktion. Frank: Das ist sie auch. Optionalität. Ein System, das sich nicht festlegt, maximiert seine Anschlussfähigkeit. Für Märkte ist das kein moralisches Problem, sondern ein Vorteil. Ich: Also kein Prinzip? Frank: Nicht in erster Linie. Neutralität ist ein Governance-Modell. Sie reduziert Risiken, indem sie Entscheidungen verzögert oder vermeidet. Der Lift passiert eine Stütze, das Seil summt kurz lauter. Ich: Und die Geschichte? Wilhelm Tell. Die Reformatoren. Der innere Konflikt, aus dem die Schweiz entstanden ist. Frank: Geschichte ist das Narrativ, mit dem Systeme ihre Gegenwart legitimieren. Märkte interessieren sich nicht für Narrative, sondern für Stabilität. Die Schweiz liefert beides: ein überzeugendes Narrativ und funktionierende Stabilität. Ich: Und die Kritik? Die Frage, ob diese Stabilität auf Kosten anderer geht? Frank: Das ist eine europäische Frage. Sie denken in Verantwortungskategorien. Wir denken in Exponierungen. Die Schweiz ist in vielen Systemen exponiert – Finanzmärkte, Rohstoffhandel, Pharma –, aber sie verteilt das Risiko so, dass es selten sichtbar wird. Ich: Sie beschreiben Neutralität als Technik. Frank: Ja. Als Technik der Entkopplung. Politische Konflikte werden nicht gelöst, sondern umgangen. Das schafft Vertrauen. Vertrauen ist die wichtigste Währung. Ich: Und Moral? Frank: Moral ist ein diskursives Instrument. Sie wirkt dort, wo Systeme instabil sind. In stabilen Systemen wird Moral verwaltet. Wir nähern uns der Bergstation. Der Blick öffnet sich, das Tal liegt ruhig, beinahe unschuldig unter uns. Ich: Sie würden also sagen, die Schweiz ist kein Sonderfall, sondern ein besonders gelungenes Modell? Frank: Ein Modell mit hoher Effizienz. Aber jedes Modell hat Nebenwirkungen. Ich: Welche? Frank: Wenn Entscheidungen zu lange vermieden werden, verlernen Systeme, sie zu treffen. Neutralität schützt vor kurzfristigen Konflikten, erzeugt aber langfristig Abhängigkeit von ihrer eigenen Funktionstüchtigkeit. Ich: Ein Risiko. Frank: Ein kalkuliertes. Der Lift hält. Menschen steigen aus, ordnen ihre Skier, schieben sich in Richtung Abfahrt. Frank zieht die Handschuhe an. Ich: Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Spannung: zwischen historischer Selbstbeschreibung und technischer Realität. Frank: Oder zwischen Haltung und Verfahren. Er fährt los, kontrolliert, ohne Hast. Später im Hotel läuft der Fernseher. Ein Wirtschaftssender, leise. Es ist die Rede von Stabilität, von Märkten, die empfindlich reagieren könnten, von der Bedeutung verlässlicher Ordnungen in unsicheren Zeiten. Begriffe wie Vertrauen und Systemrelevanz fallen häufig. Niemand wird laut. Draußen beginnen die Schneekanonen wieder zu arbeiten. Neutralität erscheint in dieser Perspektive nicht als Haltung, sondern als Technik. Sie erzeugt Vertrauen, indem sie Entscheidungen vermeidet – und genau darin liegt ihre Stärke wie ihr Risiko. Grafik: HP Entertainment © 2026
von Hans Pfleiderer 6. Februar 2026
Davos im Januar. Blauer Himmel, ungewöhnlich mild. Der Schnee auf den Hängen stammt nicht vom Himmel, sondern aus Kanonen, die nachts arbeiten. Am Tag hält die Oberfläche – noch. Eine Woche zuvor war hier die Welt zu Gast: Staats- und Regierungschefs, Konzernlenker, Investoren. Jetzt fahren wieder Skifahrer. Die Kulisse ist dieselbe, nur die Sprache hat gewechselt. Auf dem beheizten Sessellift telefoniere ich, Dipl. Ing. Hans Pfleiderer, mit einem Freund, Dr. Rüdiger von W. , Wirtschaftsexperte und Buchautor. Ich: Mir fällt auf, wie schnell hier eine gewisse Abwehr entsteht, sobald Deutschland oder die Europäische Union ins Spiel kommen. Eine Deutschfeindlichkeit, halb ironisch, halb ernst. Und immer wieder der Vorwurf, Berlin wolle der Schweiz Sanktionen aufzwingen – gegen Russland, gegen Oligarchen, gegen alte Geschäftsmodelle. von W.: Sanktionen werden selten sachlich diskutiert. Sie berühren immer Identität. Ich: Aber ist diese Empfindlichkeit nicht bemerkenswert? Die Schweiz beruft sich auf Neutralität, während sie gleichzeitig einer der wichtigsten Finanzplätze für internationales Kapital war – auch für Vermögen aus autoritären Systemen. Das war jahrzehntelang kein Geheimnis. von W.: Nein. Und es war politisch gedeckt. Man erinnere sich an die Debatten um nachrichtenlose Vermögen, um das Bankgeheimnis, um die schrittweise Anpassung an internationale Standards – immer erst unter massivem externem Druck. Ich: Genau das meine ich. Wenn Sanktionen heute als moralisches Instrument gelten – warum stellt niemand die Frage, ob nicht auch die Schweiz Teil eines Problems war, das man nun zu lösen vorgibt? von W.: Weil Sanktionen kein Instrument moralischer Selbstprüfung sind, sondern der Macht. Und die Schweiz ist wirtschaftlich kein Außenseiter. Sie ist integraler Bestandteil europäischer Wertschöpfung: Finanzdienstleistungen, Pharma, Rohstoffhandel, Versicherungen. Sanktionen würden Rückwirkungen erzeugen, die politisch kaum kontrollierbar wären. Ich: Also ein strukturelles Tabu? von W.: Ein systemisches. Die Schweiz ist zu klein, um Gegner zu sein – und zu wichtig, um sie wie einen zu behandeln. Der Lift schiebt sich weiter nach oben. Unter uns ein Hang, dessen Schnee im Sonnenlicht fast blendet. Ich: Dabei ist Neutralität historisch keineswegs so unangefochten, wie sie heute dargestellt wird. Man beruft sich gern auf Wilhelm Tell, auf Freiheit, auf Widerstand. Oder auf die Reformatoren – Huldrych Zwingli etwa –, die gezeigt haben, dass Konflikt Teil der eigenen Geschichte ist. von W.: Neutralität war nie Passivität. Sie war immer das Ergebnis innerer Auseinandersetzung. Und ökonomisch gesehen oft ein Vorteil. Ich: Und heute? Was sagen eigentlich die Amerikaner dazu? Wie blickt Washington auf diese Neutralität? von W.: Ambivalent. Unter Donald Trump war die EU der erklärte Gegner, multilaterale Ordnung ein Feindbild. Die Schweiz passte da erstaunlich gut ins Bild: souverän, nicht gebunden, wirtschaftlich effizient. Aber das war weniger Sympathie als Zweckgemeinschaft. Ich: Also Neutralität als Geschäftsmodell? von W.: Zumindest als Standortvorteil. Doch genau hier entsteht der moralische Riss. Wenn Neutralität bedeutet, keine Waffen zu liefern, aber Kapitalströme aus Kriegs- und Unrechtskontexten zu ermöglichen, dann ist sie selektiv. Funktional. Und schwer zu verteidigen, sobald sie öffentlich thematisiert wird. Ich: Dann wären Sanktionen politisch unsinnig – aber moralisch nicht absurd. von W.: So könnte man es formulieren. Sanktionen gegen die Schweiz würden das System destabilisieren. Aber das System selbst gerät unter Rechtfertigungsdruck, je offensichtlicher diese Widersprüche werden. Der Lift hält an. Davos liegt ruhig im Tal, geschniegelt, fast unschuldig. Ich: Vielleicht ist das das eigentliche Problem: nicht, dass man die Schweiz sanktioniert – sondern dass man sich daran gewöhnt hat, bestimmte Fragen gar nicht mehr zu stellen. von W.: Und dass man Stabilität mit Unschuld verwechselt. Später im Hotel läuft der Fernseher. Ein Wirtschaftssender, leise.
Von Stabilität ist die Rede. Von Märkten, die nervös reagieren könnten. Von der besonderen Rolle der Schweiz als Vermittlerin. Ein Analyst spricht von „Vertrauen“, ein anderer von „Systemrelevanz“. Ein amerikanischer Kommentator erwähnt, dass multilaterale Institutionen an Bedeutung verlieren. Nationale Interessen seien zurück. Europa müsse sich neu sortieren. Die Schweiz komme in diesem Szenario gut zurecht. Die Sprache bleibt ruhig, technisch, unaufgeregt. Es geht um Funktionsfähigkeit, um Berechenbarkeit, um das Vermeiden von Irritationen. Was hier als Vernunft erscheint, ist in Wahrheit die Verwaltung eines Gleichgewichts, das nur so lange hält, wie man bestimmte Fragen nicht stellt.
von Hans Pfleiderer 31. Januar 2026
Was hier sichtbar wird, ist weniger ein individuelles Kuriosum als ein durchgängiges Restriktionsmuster : Verzicht nicht nur auf Essen, sondern auf Geld, Besitz, Nähe, Sprache – auf alles, was Lust, Fülle oder Ambivalenz erzeugen könnte. „Anorexie“ fungiert dabei weniger als medizinische Diagnose denn als psychologisches Organisationsprinzip : Ich halte zurück, also bin ich sicher. Der Ursprung: Scham, Vergleich, Mangel Wer in bescheidenen Verhältnissen aufwächst, lernt früh zwei Lektionen. Erstens: Vergleich tut weh – die falschen Sneakers, die falschen Marken, die falschen Selbstverständlichkeiten. Zweitens: Wollen ist riskant , weil es Abhängigkeit erzeugt von Dingen, die man nicht kontrollieren kann. Aus dieser Mischung entsteht eine innere Logik: Wenn ich weniger brauche, kann ich nicht beschämt werden. Verzicht wird Selbstschutz, Sparsamkeit Identität. Scham hat die Eigenschaft, sich dort festzusetzen, wo Kontrolle maximal ist. Beim Körper. Beim Essen. Beim Ausgeben. Bei Bindung. So verschiebt sich das Problem von äußeren Umständen ins Innere – und wird handhabbar. Kontrolle statt Genuss Anorexie zeigt in ihrer klinischen Extremform, wie Kontrolle kurzfristig Sicherheit verspricht und langfristig zerstört. Psychologisch relevant ist weniger das Körpergewicht als das Prinzip: Restriktion beruhigt Angst. Wer gelernt hat, sich über Weniger zu stabilisieren, wendet diese Logik konsequent an. Vegetarismus oder Veganismus können – unabhängig von ihrer ethischen Legitimität – in diesem Kontext zur sozial akzeptierten Restriktionsform werden. Der entscheidende Punkt ist nicht was gegessen wird, sondern wozu die Regel dient: als Ausdruck von Werten – oder als Werkzeug der Selbstkontrolle. Restriktion als Moral: Geld, Nähe, Sprache In „Mein Wohlstand widert mich an“ wird Geld nicht nur kritisiert, sondern moralisch kontaminiert . Ausgeben erscheint nicht als neutraler Akt, sondern als Verdachtsmoment: Wer konsumiert, beteiligt sich. Wer besitzt, profitiert ungerecht. Diese Haltung ist politisch anschlussfähig – sie kippt jedoch dort ins Psychologische, wo jede Form von Erlaubnis unter Generalverdacht steht. Diese Verschiebung wird explizit, wenn Anna Mayr schreibt: „Geld macht uns undankbar.“ ¹ Der Satz funktioniert weniger als empirische Beschreibung denn als moralisches Axiom. Besitz selbst wird zum Risiko für den Charakter. Undankbarkeit erscheint nicht als soziale Haltung, sondern als zwangsläufige Folge von Wohlstand. Damit verschiebt sich der Fokus von der Strukturfrage zur Selbstdisziplin: Wer gut sein will, muss verzichten. Auffällig ist, dass diese Reduktion nicht beim Geld endet. Der Lebenspartner erscheint nur als „M.“ – niedlich vielleicht, aber auch reduktionistisch . Nähe wird abgekürzt, chiffriert, kontrolliert. Wie Geld wird auch Intimität dosiert , nicht verschenkt. So entsteht eine ästhetische Askese: wenig Besitz, wenig Sprache, wenig Konkretion. Integer – und zugleich hermetisch. Das letzte Kapitel: Von Kritik zu Verachtung Im Schlusskapitel vollzieht sich eine bemerkenswerte Verschiebung. Der Blick richtet sich nicht mehr primär auf Strukturen, Reichtum oder Ungleichheit, sondern auf die Autorin selbst – und auf die Leser. Genau hier verändert sich der Ton. Nicht laut. Nicht polemisch. Sondern kühl. Ehrlichkeit als Überlegenheit Wenn die Autorin schreibt, es sei befriedigender, sich als Opfer zu erzählen als als „Täterin“, und sich selbst als „hochnäsig, ignorant, egomanisch“ beschreibt, wirkt das zunächst wie radikale Selbstkritik. Tatsächlich markiert es etwas anderes: moralische Überlegenheit durch Entlarvung . Die unausgesprochene Botschaft lautet: Ich habe meine Niedertracht erkannt – ihr vermutlich nicht. Diese Selbstanklage ist kein Akt der Demut, sondern der Immunisierung. Wer sich selbst schonungslos offenlegt, entzieht sich der Kritik von außen. Es entsteht eine asymmetrische Beziehung : Autorin oben, Leser unten. Der Leser als moralisch bequemes Wesen Deutlich wird das dort, wo Sachbücher mit Forderungen als erleichternd beschrieben werden, weil Leser sich innerlich anschließen könnten, „obwohl sie eigentlich nichts Konkretes tun“. Das ist kein neutraler Befund, sondern ein Urteil. Der Leser erscheint als jemand, der – moralische Erregung konsumiert – Hoffnung simuliert – Verantwortung delegiert Kurz: als moralisch faul . Dass die Autorin selbst keine Forderungen stellt, wird nicht als Offenheit inszeniert, sondern als Verweigerung von Trost . „Ich werde Sie zurücklassen ohne Ausweg“ ist kein solidarischer Satz, sondern ein Machtgestus. „Und deshalb will dieses Buch nichts.“ Dieser Satz behauptet Radikalität – und entzieht sich zugleich jeder Verantwortung. Die Welt ist schlecht. Die Leser sind Teil des Problems. Lösungen sind Illusionen. Hoffnung ist Selbstbetrug. Was bleibt, ist Affekt: Entnervtheit, Missgunst, Wut, Langeweile. Das ist kein offenes Angebot, sondern eine Zumutung , fast eine Strafe: Fühlen Sie sich schlecht. Mehr steht Ihnen nicht zu. „Ich will jetzt zum Strand.“ Der letzte Satz ist literarisch brillant – und inhaltlich brutal. Nach hunderten Seiten moralischer Anklage und Selbstentblößung entzieht sich die Autorin buchstäblich. Sie geht in die Sonne. In den Genuss. Der Leser bleibt zurück – ohne Ausweg, ohne Handlung, ohne Katharsis. Nicht weil sie genießt, entsteht der Eindruck von Verachtung. Sondern weil sie genießt, nachdem sie erklärt hat, dass Genuss moralisch kontaminiert ist – und ihn den Lesern zugleich nicht zugesteht. Einordnung Das Buch kritisiert Wohlstand. Es praktiziert zugleich symbolischen Wohlstand : moralische Überlegenheit, Deutungshoheit, Distanz. Es verweigert Lösungen nicht aus Bescheidenheit, sondern aus Misstrauen gegenüber dem Leser . Der Leser ist nicht Partner im Denken, sondern Adressat einer Zumutung. Schluss Das beschriebene Muster ist keine Heuchelei, sondern eine konsequente Lebensethik – mit hohem Preis. Sie schützt vor Schuld, aber auch vor Fülle. Sie schafft Klarheit, aber verhindert Nähe. Oder zugespitzt: Nicht der Wohlstand widert an – sondern die Vorstellung, ihn ohne Askese auszuhalten. Vom Verzicht bis zum zwanghaften Festhalten gilt dieselbe Logik: Hauptsache, es tut weh. ¹ Anna Mayr, Mein Wohlstand widert mich an. Eine persönliche Abrechnung, Kapitel „30 Euro für den hässlichsten Weihnachtsbaum, den wir je hatten“, S. 134. Quelle: Anna Mayr, Mein Wohlstand kotzt mich an - Eine Persönliche Abrechnung, Taschenbuch, Heyne Verlag, München, 2024, ISBN: 978-3-453-60693-7 Grafik: HP Entertainment © 2026
von Hans Pfleiderer 24. Januar 2026
„Drohung zerstört Gegner. Weigerung zerstört Systeme.“ Politik beanspruchte lange Zeit das gesamte Farbspektrum unserer Welt. Sie lebte – zumindest dem Anspruch nach – von Nuancen, Abwägungen, Kompromissen, von der Kunst des Übergangs. Gegenwärtig jedoch schrumpft sie zusehends auf Schwarz und Weiß. Nicht im moralischen Sinn klarer Alternativen, sondern als psychologisches Extrem: Sieg oder Niederlage, Unterwerfung oder Bestrafung, Zustimmung oder Blockade. Diese Verengung beginnt nicht mit Sprache, sondern mit Handlungen. Der Krieg in der Ukraine ist längst mehr als ein territorialer Konflikt. Er ist eine fortgesetzte Machtdemonstration im Zentrum Europas. Raketen, Drohnen, zerstörte Infrastruktur, zivile Opfer – all dies sind nicht nur militärische Fakten, sondern politische Botschaften. Verhandlungen mögen stattfinden, doch stets im Schatten der Gewalt des starken Mannes. Krieg ist nicht länger das Scheitern der Diplomatie, sondern ihr begleitendes Signal. Ähnlich verhält es sich im Jemen, wo Gewalt seit Jahren normalisiert ist. Blockaden, Stellvertreterkriege und humanitäre Katastrophen sind dort zum dauerhaften Instrument regionaler Machtpolitik geworden. Der Krieg endet nicht, weil er nicht enden soll. Er stabilisiert Hierarchien und demonstriert Durchhaltevermögen. Besonders deutlich wird diese Logik auch in der militärischen Aggression der USA gegenüber Venezuela. Unabhängig von juristischen Rechtfertigungen handelt es sich um eine imperiale Machtdemonstration. Die eigentliche Botschaft richtet sich nicht an Caracas, sondern an die Weltgemeinschaft: Seht, was wir können. Seht, wie weit wir gehen. Macht wird nicht mehr ausgehandelt, sondern vorgeführt. Diese Entwicklung ist kein Zufall. Auf dem World Economic Forum in Davos wurde von einer Rückkehr zur „Great Power Politics“ gesprochen – einer Weltordnung, die wieder von Machtprojektion, Abschreckung und militärischer Stärke geprägt ist. Der berühmte Schlag auf den Tisch ist zurückgekehrt als legitime politische Geste. Drohungen gelten heute als legitimes Machtinstrument. Rhetorisch als „Abschreckung“ oder „rote Linien“ verbrämt, sind sie funktional nichts anderes als Erpressung: Füge dich – oder trage Konsequenzen jenseits der Sache selbst. Psychologisch wirkt die Drohung wie Aggression: Sie verengt Zeit und Optionen und verschiebt Entscheidungen von Abwägung zu Angst. Ihre Botschaft ist stets dieselbe: Autonomie ist widerruflich. Aktuelle Drohgebärden aus dem Iran, insbesondere die Vergeltungsankündigungen der religiösen Führung, fügen sich nahtlos in dieses Muster. Es geht weniger um Taten als um psychologische Raumgestaltung: Kosten steigen, Risiken kippen, Optionen schrumpfen. Drohung wird zur Diplomatie ohne Verhandlungsspielraum. Historisch betrachtet sind Drohung und Weigerung keine neuen politischen Techniken, sondern klassische Machtinstrumente mit klar unterscheidbaren Traditionen. Die Drohung wurde von Herrschern wie Dschingis Khan in ihrer effizientesten Form eingesetzt: selten, glaubwürdig und endgültig – wirksam nicht durch Eskalation, sondern durch ihre Verlässlichkeit. Machiavelli hat diese Logik theoretisch gefasst, indem er Angst als stabileres politisches Fundament beschrieb als Zuneigung – vorausgesetzt, sie bleibt kalkulierbar. Die Weigerung folgt einer anderen Logik: Sie sichert Macht nicht durch Expansion, sondern durch Stillstand. Figuren wie Metternich oder Franco regierten weniger durch Gestaltung als durch systematische Verzögerung. Verweigerung wirkt unspektakulär, aber nachhaltig – sie konserviert Macht durch Zeit. Adolf Hitler nimmt in dieser Typologie eine Sonderstellung ein. Er war kein Meister der kalkulierten Drohung, sondern ihr Extremfall. Drohung wurde bei ihm zum Dauerzustand, Eskalation zum Selbstzweck. Damit verlor sie ihre steuernde Funktion: Politik ging vollständig in Gewalt auf. Wo Drohung total wird, hört sie auf, Instrument zu sein – und hinterlässt nur Zerstörung. Neu ist die heutige Kombination dieser Techniken – und ihre Popularität vor allem als Stil. Der Erfolg dieser Strategie liegt weniger in ihrer Brutalität als in ihrer ästhetischen Einfachheit. Drohungen sind verständlich, medientauglich, performativ. In einer auf Aufmerksamkeit und Empörung getrimmten Öffentlichkeit sind sie wirksamer als jede Erklärung. Parallel dazu etabliert sich ein zweites Instrument: die Weigerung. Sie gibt sich als Prinzipientreue oder Souveränität, ist psychologisch jedoch regressiv. Die heutige Weigerung ist kategorisch, absolut, demonstrativ unproduktiv. Sie ist nicht das begründete Nein demokratischer Opposition, sondern das kindliche Nein der Blockade: Ich mache nicht mit – und schulde keine Erklärung . Diese Haltung speist sich aus einem spezifischen sozialen Habitus, der häufig – verkürzt – als der des „alten weißen Mannes“ beschrieben wird. Gemeint ist weniger ein biologisches Alter als eine Weltanschauung: geprägt von nicht hinterfragter Zentralität, privilegierter Selbstverständlichkeit, konservativer Besitzstandswahrung und dickbäuchigem Widerstand gegen gesellschaftlichen Wandel. Kompromiss erscheint hier nicht als demokratische Leistung, sondern als Statusverlust. Institutionalisierte Weigerung, etwa in Form systematischer Vetos und Blockaden, dient nicht der Positionierung, sondern der Lähmung. Das politische System soll scheitern, um die eigene Souveränität zu dramatisieren. Besonders deutlich wird dies dort, wo formale Loyalität mit faktischer Sabotage einhergeht. In manchen Fällen geht diese Weigerung über strukturelle Blockade hinaus und wird personalisiert. Politische Konflikte werden nicht mehr als Systemfragen verhandelt, sondern als Duelle zwischen Figuren. Gegner werden zu Gesichtern, Differenzen zu moralischen Absoluten. Politik verwandelt sich in eine Bühne persönlicher Fehde. Drohung und Weigerung gedeihen im Schwarz-Weiß-Denken, weil es psychologisch ökonomisch ist. Es reduziert Komplexität, entlastet von Verantwortung und stabilisiert Identität. Wer droht, muss nicht überzeugen. Wer sich verweigert, muss nicht teilnehmen. Diese Verrohung hat auch eine visuelle Entsprechung. Die politische Ästhetik schrumpft auf eine rohe Farbpalette. Blau – Ordnung, Kälte, Ausschluss. Rot – Disziplin, Opfer, historische Unausweichlichkeit. Oft kombiniert: dunkle Anzüge, rote Krawatten, choreographierte Flaggen auf Konferenztischen, im Schnee von Davos oder im Saal der Vereinten Nationen. Die Welt wird nicht mehr in Abstufungen gedacht, sondern in Primärfarben inszeniert. Was einst Bedeutung vermittelte, signalisiert nun Zugehörigkeit. Der tiefste Schaden, den Drohung und Weigerung anrichten, liegt nicht in einzelnen Entscheidungen, sondern in der Zerstörung der Fähigkeit zum Gelingen. Wo Drohung dominiert, verlieren Entscheidungen ihre Legitimität. Wo Weigerung dominiert, werden Entscheidungen unmöglich. Die Funktionsunfähigkeit des Systems ist kein Unfall, sondern Ziel. Drohung und Weigerung sind en vogue, weil sie Macht effizient inszenieren. Sie ersetzen Politik durch Pose. Sie versprechen Klarheit, wo eigentlich Aushandlung nötig wäre, und Stärke, wo Verantwortung gefragt ist. Wo Drohung normal wird, verkrampft Politik. Wo Weigerung zur Methode wird, erstarrt sie. In der personalisierten Politik dieses Jahrzehnts ist der Gegner weniger ein System als ein Gesicht, weniger ein Interesse als ein Name. Gemeint sind die Stars dieses politischen Zirkus: der einzigartige blonde Superstar Big D , die tektonischen Schwergewichte Mr. X und Mr. W , die unübersehbaren Dauergäste Mr. V und Little B – und das seltene, fast liturgische Erscheinen von His Holiness A .
von Hans Pfleiderer 17. Januar 2026
Der weltweite Aufstieg des Rechtspopulismus ist kein Betriebsunfall der Geschichte, sondern ihr Symptom. Susanne Schröter beschreibt ihn in einem Kommentar unter dem Titel „Die AfD profitiert weiter vom Versagen der Politik“ in der Neue Züricher Zeitung am 15. Januar 2026 für Deutschland als Resultat einer wachsenden Repräsentationslücke: Parteien der Mitte entfremden ihre Wähler, delegitimieren Kritik, moralisieren Konflikte und wundern sich anschließend über den Zulauf zu jenen Kräften, die diese Lücke füllen. Was in Deutschland blau eingefärbt erscheint, ist international Teil eines breiteren Spektrums: rotbraun, schwarz, nationalistisch getönt – ein globaler Rückfall in autoritäre Verheißungen. Historisch ist das kein Ausnahmezustand. Neu ist nur die Verpackung. Gesellschaften, die sich überfordert fühlen, neigen zur Vereinfachung. In der Antike traten Tyrannen als „Volksfreunde“ gegen dekadente Eliten auf. In der frühen Neuzeit stabilisierten Monarchien ihre Macht durch göttliche Ordnung. Im 20. Jahrhundert legitimierten sich Diktaturen durch Notstand, Nation oder Ideologie. Autokraten erscheinen nie im luftleeren Raum. Sie wachsen dort, wo das bestehende System als komplex, kalt oder wirkungslos erlebt wird. Demokratie ist anstrengend. Sie verlangt Geduld, Ambivalenztoleranz und die Fähigkeit, Konflikte auszuhalten, ohne sie moralisch zu beenden. Autoritäre Modelle versprechen Entlastung: klare Linien, klare Feinde, klare Farben. Heute heißt diese Farbe häufig Blau. Wenn „Blau“ nicht mehr als politische Position gelesen wird, sondern als Schadstoff, verschiebt sich das gesamte Spielfeld. Dann geht es nicht mehr um Interessen, Zielkonflikte oder Lösungen, sondern um Reinheit. Wer blau denkt, spricht oder wählt, gilt nicht als Gegner, sondern als kontaminiert. Und Kontaminierten hört man nicht zu – man isoliert sie. Genau hier setzt der paradoxe Mechanismus moderner Demokratien ein: Ausgrenzung erzeugt Verdichtung. Soziologisch ist das trivial. Wo Widerspruch sanktioniert wird, zieht er sich zurück, organisiert sich in geschlossenen Räumen und radikalisiert sich. Politische Bewegungen entstehen nicht im Licht öffentlicher Zustimmung, sondern im Schatten moralischer Ächtung. Je enger die Bannzonen, desto homogener die Gegenöffentlichkeiten. Das Blau wird dunkler, nicht heller. Politisch ist das fatal. Jede öffentlich zelebrierte Empörung – jedes „Kein Platz für…“, jede moralische Bannmeile – ersetzt Auseinandersetzung durch Abwehr. Das stabilisiert das eigene Milieu, löst aber kein einziges Problem realer Lebenswelten: Sicherheit, Einkommen, Wohnraum, Zugehörigkeit, Kontrolle. Politik wird zur Haltungspflege, während die Alltagserfahrung der Bürger unadressiert bleibt. Ein Blick auf Zahlen unterstreicht das. In nahezu allen westlichen Demokratien liegt das Vertrauen in Parteien und Parlamente inzwischen unter 30 Prozent. In Deutschland geben regelmäßig über zwei Drittel der Befragten an, „von der Politik nicht gehört“ zu werden. Gleichzeitig steigen die Zustimmungswerte zu Parteien, die explizit mit Systemkritik operieren. Das ist kein Rechtsruck aus Überzeugung, sondern ein Protest aus Erschöpfung. Global betrachtet verstärkt sich dieser Trend. In den USA wird Donald Trump nicht trotz, sondern wegen seiner Grobheit gewählt – als Affront gegen ein politisch-mediales System, das vielen als selbstgerecht und abgehoben erscheint. In China perfektioniert Xi Jinping einen techno-autoritären Kapitalismus, der Effizienz über Freiheit stellt und damit für viele Staaten des globalen Südens attraktiver wirkt als westliche Demokratien mit langwierigen Entscheidungsprozessen. Russland wiederum zeigt die andere Seite: eine Autokratie, die sich durch Repression, Propaganda und äußere Eskalation selbst am Leben hält – und dabei zunehmend ihre eigene Substanz verbrennt. Die groteske Endzeitphantasie, in der Trump und Xi sich die Welt aufteilen, während Putin sich im Streit mit Kim Jong-un selbst in die Luft jagt, ist Satire. Aber sie berührt einen wahren Kern: Die liberale Weltordnung verliert ihre Selbstverständlichkeit. Nicht, weil Autokraten überlegen wären, sondern weil Demokratien unsicher geworden sind, wofür sie stehen – und wofür nicht. Hinzu kommt eine eigentümliche Utopie, die längst keine Randfantasie mehr ist: die Vorstellung einer bipolaren Weltordnung, dominiert von den USA und China, nicht mehr durch Ideologien, sondern durch Plattformen. In dieser Vision regieren keine Außenministerien mehr, sondern Aufmerksamkeitsökonomien. In Washington übernimmt ein Facebook-Ministerium die Verwaltung der Empörung, segmentiert nach Zielgruppen, Milieus und Kaufkraft. In Peking verantwortet ein TikTok-Ressort den globalen Takt aus Trends, Bildern und algorithmisch kuratierten Sehnsüchten. Politik reduziert sich auf Reichweite, Diplomatie auf Klickzahlen. Konflikte werden nicht gelöst, sondern monetarisiert, Kritik nicht widerlegt, sondern weggescrollt. Während sich beide Machtblöcke in einer permanenten Handels- und Konsumeuphorie austoben, wird die Welt nicht befriedet, sondern sediert. Freiheit bedeutet Auswahl zwischen Marken, Teilhabe reduziert sich auf Reaktion. Die große Erzählung lautet nicht mehr Fortschritt oder Gerechtigkeit, sondern Wachstum bei gleichzeitiger emotionaler Entleerung. In einer solchen Ordnung sind Autokratie und Demokratie kaum noch unterscheidbar – entscheidend ist nicht, wer herrscht, sondern wer den Feed kontrolliert. Neoliberale wie neofaschistische Fantasien speisen sich aus derselben Quelle: der Angst vor Kontrollverlust. Die einen träumen von der totalen Marktsteuerung, die anderen von kultureller Homogenität. Beide versprechen Ordnung ohne Konflikt. Beide blenden soziale Kosten aus. Und beide gedeihen prächtig in Gesellschaften, die politische Fragen in moralische verwandeln. Auch die Schweiz ist von dieser Entwicklung nicht ausgenommen, wenn auch in gedämpfter Form. Die Schweizerische Volkspartei erreicht seit Jahren stabil um die 27 bis 30 Prozent der Stimmen – deutlich mehr als jede andere Partei. Ihr Erfolg speist sich weniger aus Radikalität als aus dem Eindruck, Probleme klar zu benennen, während andere sie umschiffen. Der Unterschied zur EU liegt weniger im Inhalt als in der institutionellen Pufferung: Föderalismus, direkte Demokratie und reale Mitbestimmung wirken wie Stoßdämpfer gegen politische Überhitzung. Doch auch hier gilt: Wo Entscheidungen als entkoppelt vom Volkswillen wahrgenommen werden, wächst das blaue Reservoir. Deutschland wiederum gleicht zunehmend einem Aquarium mit eingefärbtem Wasser: kalt, trüb, normiert. Die „Blauen“ schwimmen darin nicht aus Eleganz, sondern weil die übrigen Parteien das Becken vergiftet haben. Empörung wird zur Choreografie, Demonstrationen zu Farbsynchronisationen, Talkshows zur Lackprüfung. Wer abweicht, gilt als „nicht ganz sauber“. Die Mehrheit lernt schnell: Sag nichts, wähl still. Die Wahlurne wird zum geheimen Malkasten. Wie bedenklich ist die Zukunft? Sie ist nicht apokalyptisch – aber fragil. Demokratien sterben heute nicht durch Panzer, sondern durch Apathie und Arroganz. Durch den Glauben, moralisch im Recht zu sein, statt politisch wirksam. Durch die Verwechslung von Gesinnung mit Gestaltung. Die Punchline ist deshalb unerquicklich logisch: Wenn Politik nur noch aus Warnhinweisen besteht („Achtung, blau!“), dann wählen Menschen nicht trotz, sondern wegen der Farbe. Nicht, weil sie sie lieben – sondern weil alles andere verblasst ist. Oder, gazettenhaft gesagt: Wer Blau zur einzigen verbotenen Farbe erklärt, braucht keinen Farbkreis mehr. Der Wahlabend wird ohnehin monochrom. Grafik: HP Entertainment © 2026 Quelle: Gastkommentar von Susanne Schröter in NZZ Meinung & Debatte: "Die AfD profitiert weiter vom Versagen der deutschen Politik – eine Korrektur bleibt aus" https://www.nzz.ch/meinung/die-afd-profitiert-weiter-vom-versagen-der-deutschen-politik-eine-korrektur-bleibt-aus-ld.1919364
von Hans Pfleiderer 14. Januar 2026
Ich lese gerade das Buch von Anna Mayr „Mein Wohlstand kotzt mich an - Eine Persönliche Abrechnung“. Ich komme gleich zur Sache. Anna Mayrs Satz „Wenn man Geld hat, muss man also akzeptieren, dass andere leiden, während es einem selbst gut geht“ (auf Seite 9 3. Absatz) ist hart, klar, moralisch zugespitzt. Er funktioniert als Punchline, weil er Schuld erzeugt, Verantwortung erzwingt und den Leser nicht ausweichen lässt. Und doch ist er – bei aller analytischen Schärfe – verkürzt. Nicht falsch im politischen Sinne, aber unvollständig im menschlichen. Denn er setzt stillschweigend voraus, dass es ein Leben ohne Leiden gäbe, dass Geld dieses Leiden suspendiert und dass Ungleichheit primär eine asymmetrische Verteilung von Schmerz sei. Genau hier beginnt die Verblendung – nicht nur des Geldes, sondern auch seiner Kritiker. Leiden ist keine soziale Abweichung. Es ist Grundbedingung. Alle großen philosophischen und spirituellen Traditionen beginnen nicht mit Gerechtigkeit, sondern mit Leid. Der Buddhismus spricht von Dukkha: dem grundlegenden Unbehagen des Daseins. Nicht Armut ist Dukkha, nicht Reichtum, sondern Existenz selbst. Geburt, Alter, Krankheit, Verlust, Bindung, Trennung – sie treffen alle, unabhängig vom Kontostand. Geld kann Formen des Leidens verschieben, abschwächen, verzögern, ästhetisieren. Es kann sie aber nicht aufheben. Die Geschichte des Geldes ist deshalb nicht nur eine Geschichte der Ungleichheit, sondern eine Geschichte der falschen Versprechen. Ursprünglich ist Geld kein moralisches Konzept. Es entsteht als Mittel, nicht als Sinn. Als Tauschhilfe, als Speicher von Arbeit, als Zeitbrücke zwischen Bedürfnis und Erfüllung. Erst sehr spät wird es mit Bedeutung überladen: mit Sicherheit, Freiheit, Würde, ja sogar Glück. Genau in diesem Moment beginnt seine metaphysische Karriere – und seine Verblendung. Denn Geld verspricht, was es strukturell nicht halten kann: Erlösung vom Menschsein. Wer wenig Geld hat, leidet häufig an materieller Unsicherheit, an Ausschluss, an Ohnmacht gegenüber Institutionen. Dieses Leiden ist real, brutal, politisch verursacht und politisch zu bekämpfen. Daran gibt es nichts zu relativieren. Aber daraus folgt nicht automatisch, dass diejenigen mit Geld weniger leiden oder gar nicht leiden. Sie leiden anders. Und oft an genau dem, was Geld verspricht zu lösen. Die unerzählte Geschichte des Geldes ist die Geschichte der Verschiebung des Leidens von außen nach innen. Mit wachsendem Wohlstand verschwinden existenzielle Sorgen – aber es entstehen neue Formen der Angst: Verlustangst, Statusangst, Sinnverlust, Entfremdung. Beziehungen werden fragiler, weil sie nicht mehr notwendig sind. Identität wird prekärer, weil sie nicht mehr durch Mangel stabilisiert wird. Wer alles kann, muss ständig wählen – und jede Wahl erzeugt Schuld. Es ist kein Zufall, dass Depression, Suizid und Sucht in wohlhabenden Milieus nicht verschwinden. Sie ändern nur ihr Vokabular. Aus Hunger wird Leere. Aus Kälte wird Isolation. Aus Überleben wird Bedeutungslosigkeit. Das sind keine „mondänen Probleme“, sondern existentielle. Ein verlorenes Haus, ein Auto, eine Partnerin sind keine Dinge – sie sind Projektionsflächen für Sinn, Zugehörigkeit, Selbstwert. Wenn sie wegfallen, fällt nicht Luxus, sondern Identität. Geld macht nicht glücklich. Aber Armut macht auch nicht weise. Die moralische Falle vieler zeitgenössischer Geldkritiken – so berechtigt sie politisch sein mögen – liegt darin, Leiden zu hierarchisieren. Als gäbe es „echtes“ Leiden unten und „unechtes“ oben. Als wäre Schmerz erst dann legitim, wenn er existenziell messbar ist. Diese Hierarchisierung ist verständlich, aber gefährlich. Sie trennt Menschen, wo Gemeinsamkeit beginnen müsste. Denn die eigentliche Verblendung des Geldes ist nicht, dass es Ungleichheit schafft. Das tut jede Ordnung. Seine tiefere Verblendung liegt darin, dass es Leiden individualisiert und moralisiert. Die Armen sollen sich schämen, die Reichen sollen sich schuldig fühlen. Beides verhindert Erkenntnis. Der Arme fragt: Was habe ich falsch gemacht? Der Reiche fragt: Wie kann ich mich entlasten? Beide Fragen kreisen um das Ich. Keine um das System. Und keine um das Menschsein. In diesem Sinne ist der Satz „Wenn man Geld hat, muss man akzeptieren, dass andere leiden“ zwar politisch mobilisierend, aber anthropologisch zu flach. Er suggeriert ein asymmetrisches Leiden, wo in Wahrheit ein universelles vorliegt. Er macht aus Geld einen moralischen Schuldträger – und entlastet damit die viel größere Illusion: dass Glück, Sinn oder Frieden käuflich wären. Die Lehren des Buddha sind hier unbequem aktuell. Nicht, weil sie Armut romantisieren, sondern weil sie Begehren als Ursache des Leidens identifizieren. Geld ist eines der effizientesten Begehrensträger, die die Menschheit je erfunden hat. Es verspricht Kontrolle über Unkontrollierbares: Zeit, Verlust, Tod. Je mehr man davon hat, desto subtiler wird das Begehren – und desto raffinierter die Enttäuschung. Das heißt nicht, dass Ungleichheit hinzunehmen wäre. Im Gegenteil. Politisch muss man gegen Armut kämpfen, nicht weil Reichtum moralisch falsch ist, sondern weil unnötiges Leiden vermeidbar ist. Aber man sollte nicht glauben, dass die Abschaffung von Ungleichheit die Abschaffung des Leidens nach sich zieht. Das ist eine säkulare Erlösungsfantasie – und Geld ihr heimlicher Gott. Vielleicht wäre eine andere Punchline ehrlicher, wenn auch weniger zugespitzt: Wenn man Geld hat, leidet man nicht weniger – man leidet komplizierter. Und vielleicht liegt die eigentliche Aufgabe unserer Zeit nicht darin, Schuld zu verteilen, sondern Illusionen zu entlarven. Die Illusion, dass Glück eine Frage der Mittel sei. Die Illusion, dass moralische Reinheit durch Verzicht erreichbar wäre. Und die Illusion, dass es ein Leben gäbe, in dem es nur den einen trifft und den anderen verschont. Die unerwähnte Geschichte des Geldes ist keine Anklage. Sie ist eine Warnung: Wer glaubt, Geld trenne die Leidenden von den Nicht-Leidenden, hat bereits der größten Verblendung erlegen. Trotz allem ein hervorragend geschriebenes Buch, daher mein Buchtipp: Anna Mayr, Mein Wohlstand kotzt mich an, Taschenbuch, Heyne Verlag, München, 2024, ISBN: 978-3-453-60693-7 Grafik: HP Entertainment © 2026
von Hans Pfleiderer 6. Januar 2026
1. Principles The Allies reaffirm their enduring commitment to the principles of sovereignty, territorial integrity, the rule of law, and collective defence, as enshrined in the Washington Treaty and the Charter of the United Nations. NATO remains a defensive Alliance, united by shared democratic values and a rules-based international order. 2. Recent Developments The North Atlantic Council has taken note of reports concerning recent U.S. actions involving Venezuela, including allegations of a military operation leading to the detention and transfer of President Nicolás Maduro. At the time of this communiqué, no internationally recognized mandate, including authorization by the UN Security Council or proceedings before an international judicial body, has been publicly confirmed. The Allies underscore the importance of clarity, transparency, and adherence to international law in all actions affecting international peace and security. 3. Rule of Law and Use of Force The Allies recall that the use of force under international law is permissible only in accordance with the UN Charter, including the principles of necessity, proportionality, and legal authorization. The conflation of criminal prosecution, military force, and political authority risks undermining the distinction between law enforcement and armed conflict, with broader implications for international stability. 4. Territorial Integrity and Arctic Security The Allies reaffirm their unwavering support for the sovereignty and territorial integrity of all NATO members, including the Kingdom of Denmark and its autonomous territory of Greenland. The Arctic region is of increasing strategic importance. Accelerated climate change, resource accessibility, and emerging sea routes require cooperative security approaches, not unilateral pressure or coercion among Allies. Any challenge to the territorial integrity of an Ally undermines Alliance cohesion and collective deterrence. 5. Alliance Cohesion and Strategic Environment The Council notes that any erosion of trust or unity within the Alliance directly affects NATO’s ability to deter threats and maintain stability across the Euro-Atlantic area. Such fragmentation objectively benefits strategic competitors, including Vladimir Putin, whose policies seek to weaken transatlantic cohesion, and Xi Jinping, whose global posture increasingly combines economic leverage with coercive influence. NATO will continue to address these challenges collectively, proportionately, and in full respect of international law. 6. Climate and Security The Allies recognize climate change as a threat multiplier, particularly in regions such as the Arctic. Environmental degradation, resource competition, and geopolitical rivalry are increasingly interconnected. NATO supports coordinated international efforts to mitigate climate-related security risks while maintaining Alliance readiness. 7. Conclusion The Allies reaffirm that Alliance strength rests on unity, legality, and mutual trust. NATO will continue to: uphold international law, support multilateral institutions, defend the sovereignty of its members, and engage responsibly in a rapidly evolving global security environment. The North Atlantic Council will continue to monitor developments closely and consult as necessary, in accordance with the Washington Treaty. Read more about my comments to this topic on Substack: https://hanspfleiderer.substack.com/publish/post/183663766
von Hans Pfleiderer 28. Dezember 2025
Ich bin so wütend und frustriert. Und natürlich bin ich es auf zivilisierte Weise: mit Tee zum Herzerwärmen, mit Sehnsucht nach Zärtlichkeit, mit kalten Fingern vom Eisblumen-Zählen, irgendwo am Rand eines Jahres, das sich wie ein Ausverkauf anfühlt. Ein wunderschöner Tag, Kunstgalerie, Felder, Freundschaft, dieses leise Einverständnis zwischen Menschen, das nichts kaufen will. Ein Tag, der eigentlich genügt hätte. Doch dann kommt er zuverlässig, dieser Refrain, wie ein schlecht programmierter Jingle: Du bist so vielseitig. Und der Subtext, geschniegelt, geschniegelt bis zur Unkenntlichkeit: Du willst beeindrucken. Wie unerquicklich bescheiden die Gesellschaft geworden ist. Wer mehrere Dinge kann, muss verdächtig sein. Wer sich nicht spezialisiert wie ein Ersatzteil, stört den Warenfluss. Dabei ist Vielseitigkeit nichts anderes als Überlebenstechnik. Psychologisch gesprochen: Anpassungsfähigkeit. Anthropologisch: Jäger-und-Sammler-Software. Ökonomisch: Ressourcennutzung. Aber im Schaufenster der Gegenwart heißt das: Angeberei. Ja, ich baue Häuser. Ich male, ich fotografiere, ich mache Musik. Ich lebe davon. Ja, ich repariere meine Autos, seit ich dreizehn bin, schraube an Motoren herum, weil ich wissen will, wie Dinge funktionieren. Nicht aus Eitelkeit, sondern aus Notwendigkeit. So wie ein Bauer auf seinem Selbstversorgerhof. Dem sagt auch niemand: Du melken Kühe, fahren Traktor, reparieren Zäune, kochen Suppe, zeugen Kinder – wow, wen willst du beeindrucken? Absurd, oder? Aber genau hier beginnt die Satire unserer Zeit: Alles, was nicht gekauft wird, sondern gekonnt ist, gilt als Provokation. Ich probiere mich ständig aus. Nicht, weil ich „muss“, sondern weil Stillstand der wahre Luxus ist – und ich mir den nicht leisten kann. Seltsam nur, dass gerade beim Dating diese Vielstimmigkeit plötzlich als Bedrohung gelesen wird. Kleingehalten zu werden, nennt man das in der Psychologie übrigens nicht Feedback , sondern Abwehr . Wenn ich so bin, wie ich bin, bin ich zu viel. Zu laut, zu bunt, zu vielseitig. Die implizite Wunschfantasie scheint eher zu lauten: Komm im Overall, ölverschmiert, sag „Hey Baby“, reduziere dich auf Funktion, dann Netflix, dann Ruhe. Bitte keine Persönlichkeit, das stört die Abendplanung. Beim zweiten Date – ich hatte mich bereits diszipliniert wie ein dressierter Zirkuslöwe – kreativer Smalltalk, Lächeln, locker, goofy, kein Podium, kein Monolog – kommt das Urteil: kein Herzflattern, lieber Freundschaft, Austausch als Künstlerin mit Künstler. Gesagt in einem Moment der Erschöpfung, wie beim ersten Date. Müdigkeit ist also heute ein Argument. Vielleicht, weil Intensität anstrengend ist, wenn man sie nicht wegscrollen kann. Dann die Kritik: Ich rede zu viel von mir. Ich stelle mich in den Vordergrund. Ich hätte das doch gar nicht nötig. Wie gnädig. Wie pädagogisch. Und währenddessen – Mädels unter sich – wird stundenlang philosophiert und referiert. Über Picasso, Monet, die Moderne, Jane Austen, den neuesten Liebesfilm, das nächste französische Meisterwerk. Kultur als Konversationsware. Analyse als soziale Währung. Niemand nennt das Angeberei, weil es kanonisiert ist. Es kostet nichts, außer Zeit, Falafel und ein Glas Wein. Wer die Film- und Musikindustrie von innen kennt, weiß: Wahrnehmung ist kein romantischer Prozess, sondern Schwerarbeit. Schweiß, Machtspiele, Grenzüberschreitungen, Demütigung. Nichts gegen Method Acting, aber auch Me-too, Dinnerpartys, Suff, Langeweile in Bars, die niemand wirklich mag. Und am Ende dieses Weges steht das Trostpflaster der Konsumgesellschaft: Konkurrierende Streamingdienste für 5,99 € im Monat, Spotify im Abo. Kultur als Sedativum. Leichte Kost. Kein Risiko. Kein Dialog. Nur ein Daumen hoch für den Algorithmus, der dann das nächste passende Gefühl ausspuckt. In meinem Studio hingegen läuft meine Musik. Meine Texte werden vorgelesen. Meine Bilder hängen an der Wand. Nicht kommerziell, nicht gefällig. Mir musst du nicht schmeicheln , sage ich. Sag mir, was nicht funktioniert. Und genau da wird es zu viel. Ehrlichkeit ist unpraktisch. Sie lässt sich nicht pausieren. Also zurück zu Spotify. Zur Konsumhaltung. Zuhören ohne Verantwortung. Kultur ohne Gegenüber. „Keine Beine breit machen müssen“ , denke ich bitter, „das bleibt uns Kulturarbeiter:innen vorbehalten.“ Die Konsumgesellschaft liebt das Ergebnis, verachtet aber den Weg. Sie will das Werk ohne den Menschen. Die Ernte ohne das Feld. Den Applaus ohne die Probe. Ich reiße mir weiterhin den Arsch auf – und wofür? Für eine Bühne? Für Witze? Soll ich jetzt auch noch Comedy schreiben? Das Leben ist längst grotesk genug. Tragisch-komisch, süß und bitter. Und falls ich je eine Ikone würde: Welcher Teenager hängt sich ein Poster von einem Opa an die Wand? Eben. Vielleicht legte ich in meinem Moment der Müdigkeit verlegen meinen Kopf auf ihre Schulter und flüsterte wie ein sprachunbegabter Teenager, "Ich mag dich." Oder hätte ich doch schon beim Spaziergang sagen sollen: "May I hold your hand, baby?" Egal. Träume weiter. Die Konsumgesellschaft wird weiterhin Daumen heben, während andere Hände blutig arbeiten. Nicht erst seit Spotify.
von Hans Pfleiderer 22. Dezember 2025
Ich richte meinen Scheinwerfer heute auf Schurken und Millionäre. Mittags fuhr ich im Auto in meine Werkstatt, was ich häufig tue, eigentlich fast täglich, und hörte – wie immer, mit diesen neugierigen Ohren, die mir schon so viel Ärger eingebracht haben – den Deutschlandfunk. Ich drückte übrigens auf irgendeinen Knopf des Radios. Und was hörte ich da, es dauerte keine zwei Minuten, bis es funkte. Nicht im technischen Sinn, sondern im nervlichen, im zerebralen, im tragödienhaften Sinn. Man brachte einen Podcast mit dem Titel Lawless London . Ich hörte zu. Was sonst. Ich höre zu bis zum bitteren Ende, bis zum jüngsten Gericht. Ich bilde mir ein, man müsse an so etwas Eklatantem dran bleiben, um es später verwerfen zu dürfen. Also hörte ich konsequent zu. Sehr aufmerksam! Und ich hörte vor allem eines: Unsinn. Nicht irgendeinen Unsinn, sondern jenen besonders hartnäckigen, internationalen, transatlantischen Unsinn, der sich mit politischem Pathos auflädt und sich peinlich genau als Analyse ausgibt, obwohl er nichts weiter ist als Geräusch, Geplätscher, Geplapper, gefährlicher rhetorischer Smog. Ich begann irgendwann laut zu schreien. Nicht aus Widerspruch, sondern aus purer körperlicher Notwendigkeit. Ich hatte meine Trompete zu Hause gelassen, was ein Fehler war, denn ich war ja nicht auf dem Weg in den Übungsraum, sondern nur in meine Werkstatt, wo man arbeitet und nicht tönt. Donald Trump und sein immer wieder erstaunlich produktives Umfeld – erstaunlich vor allem angesichts der geistigen Voraussetzungen – hatten erneut eine Unerträglichkeit zum Besten gegeben. Eine, von der man dachte, schlimmer könne es nun wirklich nicht mehr kommen, nur um festzustellen, dass genau das ihr eigentliches Talent ist. Und diese Geschichte schmerzte meinen Allerwertesten ganz gehörig, was ich nicht anders sagen kann. Trump sagt, London sei in die Hände muslimischer Einwanderer gefallen. Erobert wie Troja. Oder belagert wie Stalingrad? Sie hätten der Stadt ihre Kultur übergestülpt, Angst und Schrecken verbreitet, London versinke im Verbrechen. Echt jetzt? Es gebe Stadtteile, in die sich nicht einmal mehr die Polizei wage. Und über den Bürgermeister sagt er pointiert, wie man es an ihm so schätzt: Terrible Mayor. Terrible Man. Und schließlich, als Höhepunkt dieser intellektuellen Bergbesteigung: I hate what happens to London. Das ist kein Befund. Das ist kein Bericht. Das ist ein narzisstisches Wiegenlied in Reinform. Trump schreit nicht, weil er etwas zu sagen hätte, was man ihm vielleicht aus Gewohnheit immer noch unterstellt. Er schreit, weil er nicht zuhören kann. Eine Fähigkeit, die ihm strukturell unmöglich ist. Er bläst seine Trumpet , unaufhörlich, amateurhaft, und er kennt nur einen Ton. Den eigenen. London ist für ihn kein urbanes Gefüge, keine historisch gewachsene Stadt, sondern reine Projektionsfläche. Für Kontrollverlust. Für Überfremdungsfantasien. Für die Kränkung eines Mannes, der sehr wohl spürt, dass die Welt sich weiterdrehen wird, einfach so, auch wenn es um ihn irgendwann still geworden ist. Und Londons Bürgermeister Sadiq Khan wird nicht kritisiert, nein – er wird markiert. Nicht wegen Politik, sondern wegen Symbolik. Terrible Man ist kein Urteil. Es ist ein Code. Und Codes sind immer bequemer als Gedanken. Was Trump rhetorisch vorexerziert, setzen andere ästhetisch fort. Influencer wie Seine Eiligkeit Kurt Caz sind ambulante Erregungsmaschinen, wandern mit laufender Kamera über die Oxford Street und erklären sie zur most infamous street in the UK . Unzählige Handys, oder waren es achtzehn, würden dort täglich gesnatcht, sagen Caz. Etwas liege in der Luft. Something is brewing . Was genau, bleibt offen. Offenheit ist ihr Geschäftsmodell. Der Milliardär instrumentalisiert Angst politisch. Der Influencer monetarisiert sie algorithmisch. Er filmt nicht London, er filmt die Erregbarkeit seines Publikums. Beide liefern dasselbe Produkt: diffuse Bedrohung ohne Kontext, ohne Maß, ohne Verantwortung . Und dann – beinahe unerquicklich nüchtern – meldet sich die Realität. Der Chef von Scotland Yard kommentiert diese Behauptungen mit zwei Worten, ganz unspektakulär: Complete nonsense! Mehr braucht es eigentlich nicht, und doch braucht es offenbar sehr viel mehr, weil Nonsense heute lauter ist als Wirklichkeit. Bei dieser großartigen Gelegenheit, sei ohne Metapher erwähnt, keine Finte, sondern ein banaler Umstand: Ich war gerade selbst in London. Ich schlenderte mit einer überdimensionierten Einkaufstasche in der Hand, darin ein frisch erworbener navyblauer Burberry-Trench, die Oxford Street entlang. Und wissen Sie was? Kein Hahn krähte. Niemand riss mir das Handy aus der Hand. Niemand stülpte mir seine Kultur über. Niemand machte mir Angst. Niemand. Stattdessen dachte ich an Müller-Lüdenscheidt und Dr. Klöbner, die sich über eine Ente in der Badewanne stritten, wie sich die Deutschen nun einmal streiten, wenn sie glauben, es gehe um Wahrheit. Und ich dachte mir: So ist das also. So funktioniert das. Und London tat, was es seit Jahrhunderten tut. Es war laut. Widersprüchlich. Lebendig. Eine Stadt. Kein Mythos. Dass meine Hirnschale dabei nicht abhob wie eine russische Atomrakete mit Putin-Aufkleber, verdanke ich nur einem Umstand: Ich hörte währenddessen das Album Humanity meiner persönlichen Freundin Kennedy . Immer wieder schön. Ungeheuerlich. Musik als Gegengift. Rhythmus statt Rhetorik. Und siehe da: Gelassenheit kehrte ein. Der Puls sank. Die Trumpet verstummte. Denn nichts entlarvt apokalyptische Erzählungen schneller als die schlichte Anwesenheit eines Körpers im realen Raum. Wer wirklich dort war, braucht keine Angstfantasien. Wer wirklich mit beiden Füssen auf der Erde steht, muss nicht raunen. Wer wirklich hört, schreit nicht. London ist keine Erzählung. London ist ein Ort. Und Orte lassen sich nicht wegblasen. Auch nicht von Millionären mit Megafon. Jeder sollte erst einmal vor seiner eigenen Tür kehren. Ende mit einem sanften Lächeln. Smooth sailing, folks. https://www.deutschlandfunk.de/lawless-london-debatte-um-kriminalitaet-100.html
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