von Hans Pfleiderer
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13. Februar 2026
Ein älterer Herr lebt in einem Haus, dessen Wände dünner sind als die Haut eines Kompromisses. Man hört alles: das Geschirr, das Geflüster, den Streit, der langsam in Verzweiflung übergeht. Manchmal hört man sogar, wie der Atem des Nachbarn stockt, wenn Wut in Müdigkeit kippt. Und irgendwann, unvermeidlich, kommt das Klopfen – ein Hämmern, hart, fordernd, wie eine spießbürgerliche Aufforderung zum Schweigen. An einem gewöhnlichen Abend räumt der ältere Herr gerade Einkäufe in den Kühlschrank, repariert ein tropfendes Rohr unter der Spüle. Plötzlich wummert der Mann von unten an die Tür, die Frau schreit im Hintergrund, er solle still sein, die Kinder würden schlafen. „Hallo, Sie!“, hallt es immer wieder durchs Treppenhaus – beschämend, fast wie eine öffentliche Rüge. Er steht da, mit einer Zange in der einen, einem Netz Orangen in der anderen Hand, und fragt sich, wie er in dieser kleinen Alltagsposse zum Bösewicht geworden ist. Er verriegelt die Innentür doppelt, setzt sich auf das Sofa. Unter dem Boden tobt der Nachbarkrieg weiter – dumpfes Brüllen, splitterndes Glas, die Kakophonie einer Zivilisation ohne Stammeszugehörigkeit. Kein Trommeln, keine Gesänge, kein gemeinsamer Puls – nur das Klirren vereinzelter Existenzen, jeder in seiner kleinen Festung des Ichs. Der ältere Herr kennt dieses Gefühl der diffusen Angst schon länger. Früher, in seiner Zeit als Angestellter eines Konzerns, lernte er eine andere Art von Einsamkeit kennen: die höflich maskierte, funktionale. Umgeben von kaltem Licht und kälteren Gesichtern erlebte er Kollegen, für die Misstrauen zur zweiten Haut geworden war. Kreativität galt als Provokation, Offenheit als Verrat. Zugehörigkeit bedeutete Macht, und wer sie nicht hatte, blieb draußen – freundlich ausgeschlossen. Die Hierarchie funktionierte wie eine Dienstgradordnung der Einsamkeit. Berlin, wo der ältere Herr viele Jahre lebte, ist für ihn ein Versuchslabor der Entfremdung. Mehr als die Hälfte aller Haushalte besteht aus einer einzelnen Person. Auf dem Land dagegen, wo man sich noch Salz leiht und weiß, wer letzten Winter gestorben ist, wirkt das Wort „allein“ wie ein Fremdkörper. In der Stadt ist es längst zur Lebensform geworden – ein Stil, kein Schicksal. Unabhängigkeit nennen wir es, das noble Etikett für ein Leben ohne Zeugen. Wenn er Bekannten von jener Nacht erzählt, in der der Nachbar gegen die Tür trommelte, zucken sie nur mit den Schultern. So sei Stadtleben eben, sagen sie – als wäre Entfremdung der Preis für schnelles WLAN und Lieferdienste. Doch der ältere Herr spürt, dass mehr dahintersteckt: eine Gesellschaft, die sich ihre Feinde selbst erfindet, weil ihr das Gemeinsame fehlt. Nähe wird mit Verbindung verwechselt, Lautstärke mit Bedeutung, Ego mit Identität. Für ihn ist das Ego zur Währung unserer Zeit geworden. Es verkauft sich in Klicks und Kommentaren, in Selfies und Signaturen. Der Nachbar, der wütend gegen die Tür schlägt, verteidigt vielleicht gar nicht die Nachtruhe seiner Kinder, sondern die fragile Illusion, dass er mehr zählt als ein anderer. In einer Welt der Vereinzelten ist Bedeutung das letzte Luxusgut. Soziale Medien, denkt der ältere Herr, sind das Labor des Egos. Jeder Skandal ein Ausbruch, jeder Like ein kleiner Sieg über die Unsichtbarkeit. Wir bilden Gruppen, die nicht durch Vertrauen verbunden sind, sondern durch geteilte Abneigung. So entsteht eine Zivilisation aus verletzten Ichs – laut, fragil, überzeugt von ihrer moralischen Überlegenheit und doch pathologisch allein. Aber das Ego ist kein Zuhause. Es ist eine provisorische Behausung auf dem eisglatten Grund der Angst. Je größer es wird, desto weniger Raum bleibt für uns selbst. Früher zwang Hunger die Menschen zusammen, heute trennt sie Bequemlichkeit. Fehlt das gemeinsame Ziel, erschaffen wir künstliche Konflikte – zwischen Nachbarn, Kollegen, Nationen. Ohne Sturm, denkt er, erfinden wir Sturm, machen Wind. Er erinnert sich an den Sommer in Island, an die kargen Ebenen und den Wind, der wie ein alter Gott durch die Lavafelder zog. Dort erwartete er Einsamkeit in der Landschaft – und fand sie in den Gesichtern. Auch in diesem Land der Mythen und Mitternachtssonne fühlten sich viele verloren. Der Bildschirm hatte das Feuer ersetzt, der Algorithmus den Rat des Stammes. Vielleicht, denkt der ältere Herr, ist Einsamkeit der Preis des Überflusses. In seiner Arbeit erlebt er täglich die neue Form der Distanz: Meetings statt Lagerfeuer, Mobilfunk statt Mythen. Tugenden, die einst über Leben entschieden – Empathie, Humor, Anpassungsfähigkeit – gelten nun als Störung. Er erinnert sich an eine junge Kollegin, die man ausgrenzte, weil sie zu viele Fragen stellte. Kein Roman, sondern ein Exil hinter vorgehaltener Hand. Die Städte Europas, sagt er, sind in rechten Winkeln gebaut – eine Geometrie der Trennung. Jede Wohnung wie ein Container, jede Straße ein Korridor aus Unbekannten. Zehn Jahre kann man dort wohnen, ohne den Namen über der eigenen Klingel zu kennen. In den Bergen Italiens oder den Westfjorden Islands dagegen diktiert das Gelände noch Solidarität. Kein Dach deckt sich allein, kein Sturm wird im Singular überstanden. Die Not zwingt zur Nähe, die Fülle erlaubt Distanz. Entfremdung, erkennt der ältere Herr, hinterlässt keine blutigen Spuren. Sie zeigt sich in Schlaflosigkeit, in Angst, in einer leisen Scham, überhaupt zu existieren. Psychologen nennen das erlernte Hilflosigkeit; er selbst nennt es die sanfte Folter der Moderne. Nach jener Nacht mit dem Klopfen fühlte er sich schuldig, ohne Schuld – als hätte sein bloßes Atmen eine Grenze überschritten. Er denkt an Menschen in Krisengebieten, die er auf Reisen gesehen hat – nichts besitzend, aber einander zugehörig. Gefahr löscht das Ego. Wenn Überleben nur gemeinsam gelingt, zählt niemand mehr die Likes. Paradox: Krieg kann menschlicher sein als Frieden. Deshalb lacht der ältere Herr einmal mehr über den Streit um das tropfende Rohr, über seine eigene Ratlosigkeit. Lachen, sagt er, ist die Rettung der Würde. Es verwandelt Ohnmacht in Geschichte, und Geschichten sind das, was uns verbindet, wenn sonst nichts bleibt. Doch unter dem Lachen liegt Zorn – Zorn darüber, dass Zugehörigkeit so achtlos verloren ging, dass Städte, Technologien, Institutionen für Effizienz gebaut sind, nicht für Empathie. Wir haben uns selbst optimiert, bis kein Platz mehr für Nähe blieb. Sogar die Sprache, bemerkt er, verrät uns: Privatsphäre klingt edel, bedeutet oft nur Isolation. Autonomie klingt stark, meint häufig Verlassenheit. Wir verwechseln Getrenntsein mit Freiheit. Und doch bleibt Hoffnung. Katastrophen erinnern uns an das, was wir vergessen haben. Wenn Wasser über die Ufer tritt oder Feuer Städte verschlingt, finden Menschen zueinander. Dann teilen sie Werkzeuge, Brot, Geschichten. Dann klingt das Wort „Nachbar“ wieder wie ein Versprechen. Warum also warten wir auf den Sturm? Warum nicht jetzt, mitten im Alltag, Stammesleben zurückholen – beim Grüßen, Helfen, Zuhören? Gemeinschaft ist kein nostalgisches Relikt, sondern eine Überlebensstrategie, die neu gelernt werden muss. Entfremdung ist kein Schicksal, sie ist menschengemacht – also umkehrbar. Doch sie verlangt Mut zur Bedürftigkeit, den Mut, sich selbst nicht genug zu sein. Bedeutung entsteht nicht im Monolog, sondern im Zwischenraum, dort, wo zwei Menschen sich berühren. Wenn der ältere Herr an jene Nacht denkt – das Klopfen, das Schreien –, sieht er keine Feinde mehr. Nur zwei Menschen, beide überfordert von der eigenen Bedeutungslosigkeit, beide kämpfend um dasselbe: gesehen zu werden. Vielleicht, denkt er, sind alle Ego-Ausbrüche dieser Welt nichts anderes als unfreiwillige Lebenserklärungen – verzweifelte Beweise, dass wir existieren. Am Ende bleibt für ihn eine Erkenntnis, so schlicht wie schwer: Zugehörigkeit ist keine Bequemlichkeit, sondern Notwendigkeit. Die Zivilisation hat uns das Alleinsein beigebracht – aber nur im Stamm lernen wir, wie man lebt. Grafik: HPEntertainment © 2026