Schreibkram - paperwork

Was hier sichtbar wird, ist weniger ein individuelles Kuriosum als ein durchgängiges Restriktionsmuster : Verzicht nicht nur auf Essen, sondern auf Geld, Besitz, Nähe, Sprache – auf alles, was Lust, Fülle oder Ambivalenz erzeugen könnte. „Anorexie“ fungiert dabei weniger als medizinische Diagnose denn als psychologisches Organisationsprinzip : Ich halte zurück, also bin ich sicher. Der Ursprung: Scham, Vergleich, Mangel Wer in bescheidenen Verhältnissen aufwächst, lernt früh zwei Lektionen. Erstens: Vergleich tut weh – die falschen Sneakers, die falschen Marken, die falschen Selbstverständlichkeiten. Zweitens: Wollen ist riskant , weil es Abhängigkeit erzeugt von Dingen, die man nicht kontrollieren kann. Aus dieser Mischung entsteht eine innere Logik: Wenn ich weniger brauche, kann ich nicht beschämt werden. Verzicht wird Selbstschutz, Sparsamkeit Identität. Scham hat die Eigenschaft, sich dort festzusetzen, wo Kontrolle maximal ist. Beim Körper. Beim Essen. Beim Ausgeben. Bei Bindung. So verschiebt sich das Problem von äußeren Umständen ins Innere – und wird handhabbar. Kontrolle statt Genuss Anorexie zeigt in ihrer klinischen Extremform, wie Kontrolle kurzfristig Sicherheit verspricht und langfristig zerstört. Psychologisch relevant ist weniger das Körpergewicht als das Prinzip: Restriktion beruhigt Angst. Wer gelernt hat, sich über Weniger zu stabilisieren, wendet diese Logik konsequent an. Vegetarismus oder Veganismus können – unabhängig von ihrer ethischen Legitimität – in diesem Kontext zur sozial akzeptierten Restriktionsform werden. Der entscheidende Punkt ist nicht was gegessen wird, sondern wozu die Regel dient: als Ausdruck von Werten – oder als Werkzeug der Selbstkontrolle. Restriktion als Moral: Geld, Nähe, Sprache In „Mein Wohlstand widert mich an“ wird Geld nicht nur kritisiert, sondern moralisch kontaminiert . Ausgeben erscheint nicht als neutraler Akt, sondern als Verdachtsmoment: Wer konsumiert, beteiligt sich. Wer besitzt, profitiert ungerecht. Diese Haltung ist politisch anschlussfähig – sie kippt jedoch dort ins Psychologische, wo jede Form von Erlaubnis unter Generalverdacht steht. Diese Verschiebung wird explizit, wenn Anna Mayr schreibt: „Geld macht uns undankbar.“ ¹ Der Satz funktioniert weniger als empirische Beschreibung denn als moralisches Axiom. Besitz selbst wird zum Risiko für den Charakter. Undankbarkeit erscheint nicht als soziale Haltung, sondern als zwangsläufige Folge von Wohlstand. Damit verschiebt sich der Fokus von der Strukturfrage zur Selbstdisziplin: Wer gut sein will, muss verzichten. Auffällig ist, dass diese Reduktion nicht beim Geld endet. Der Lebenspartner erscheint nur als „M.“ – niedlich vielleicht, aber auch reduktionistisch . Nähe wird abgekürzt, chiffriert, kontrolliert. Wie Geld wird auch Intimität dosiert , nicht verschenkt. So entsteht eine ästhetische Askese: wenig Besitz, wenig Sprache, wenig Konkretion. Integer – und zugleich hermetisch. Das letzte Kapitel: Von Kritik zu Verachtung Im Schlusskapitel vollzieht sich eine bemerkenswerte Verschiebung. Der Blick richtet sich nicht mehr primär auf Strukturen, Reichtum oder Ungleichheit, sondern auf die Autorin selbst – und auf die Leser. Genau hier verändert sich der Ton. Nicht laut. Nicht polemisch. Sondern kühl. Ehrlichkeit als Überlegenheit Wenn die Autorin schreibt, es sei befriedigender, sich als Opfer zu erzählen als als „Täterin“, und sich selbst als „hochnäsig, ignorant, egomanisch“ beschreibt, wirkt das zunächst wie radikale Selbstkritik. Tatsächlich markiert es etwas anderes: moralische Überlegenheit durch Entlarvung . Die unausgesprochene Botschaft lautet: Ich habe meine Niedertracht erkannt – ihr vermutlich nicht. Diese Selbstanklage ist kein Akt der Demut, sondern der Immunisierung. Wer sich selbst schonungslos offenlegt, entzieht sich der Kritik von außen. Es entsteht eine asymmetrische Beziehung : Autorin oben, Leser unten. Der Leser als moralisch bequemes Wesen Deutlich wird das dort, wo Sachbücher mit Forderungen als erleichternd beschrieben werden, weil Leser sich innerlich anschließen könnten, „obwohl sie eigentlich nichts Konkretes tun“. Das ist kein neutraler Befund, sondern ein Urteil. Der Leser erscheint als jemand, der – moralische Erregung konsumiert – Hoffnung simuliert – Verantwortung delegiert Kurz: als moralisch faul . Dass die Autorin selbst keine Forderungen stellt, wird nicht als Offenheit inszeniert, sondern als Verweigerung von Trost . „Ich werde Sie zurücklassen ohne Ausweg“ ist kein solidarischer Satz, sondern ein Machtgestus. „Und deshalb will dieses Buch nichts.“ Dieser Satz behauptet Radikalität – und entzieht sich zugleich jeder Verantwortung. Die Welt ist schlecht. Die Leser sind Teil des Problems. Lösungen sind Illusionen. Hoffnung ist Selbstbetrug. Was bleibt, ist Affekt: Entnervtheit, Missgunst, Wut, Langeweile. Das ist kein offenes Angebot, sondern eine Zumutung , fast eine Strafe: Fühlen Sie sich schlecht. Mehr steht Ihnen nicht zu. „Ich will jetzt zum Strand.“ Der letzte Satz ist literarisch brillant – und inhaltlich brutal. Nach hunderten Seiten moralischer Anklage und Selbstentblößung entzieht sich die Autorin buchstäblich. Sie geht in die Sonne. In den Genuss. Der Leser bleibt zurück – ohne Ausweg, ohne Handlung, ohne Katharsis. Nicht weil sie genießt, entsteht der Eindruck von Verachtung. Sondern weil sie genießt, nachdem sie erklärt hat, dass Genuss moralisch kontaminiert ist – und ihn den Lesern zugleich nicht zugesteht. Einordnung Das Buch kritisiert Wohlstand. Es praktiziert zugleich symbolischen Wohlstand : moralische Überlegenheit, Deutungshoheit, Distanz. Es verweigert Lösungen nicht aus Bescheidenheit, sondern aus Misstrauen gegenüber dem Leser . Der Leser ist nicht Partner im Denken, sondern Adressat einer Zumutung. Schluss Das beschriebene Muster ist keine Heuchelei, sondern eine konsequente Lebensethik – mit hohem Preis. Sie schützt vor Schuld, aber auch vor Fülle. Sie schafft Klarheit, aber verhindert Nähe. Oder zugespitzt: Nicht der Wohlstand widert an – sondern die Vorstellung, ihn ohne Askese auszuhalten. Vom Verzicht bis zum zwanghaften Festhalten gilt dieselbe Logik: Hauptsache, es tut weh. ¹ Anna Mayr, Mein Wohlstand widert mich an. Eine persönliche Abrechnung, Kapitel „30 Euro für den hässlichsten Weihnachtsbaum, den wir je hatten“, S. 134. Quelle: Anna Mayr, Mein Wohlstand kotzt mich an - Eine Persönliche Abrechnung, Taschenbuch, Heyne Verlag, München, 2024, ISBN: 978-3-453-60693-7 Grafik: HP Entertainment © 2026

„Drohung zerstört Gegner. Weigerung zerstört Systeme.“ Politik beanspruchte lange Zeit das gesamte Farbspektrum unserer Welt. Sie lebte – zumindest dem Anspruch nach – von Nuancen, Abwägungen, Kompromissen, von der Kunst des Übergangs. Gegenwärtig jedoch schrumpft sie zusehends auf Schwarz und Weiß. Nicht im moralischen Sinn klarer Alternativen, sondern als psychologisches Extrem: Sieg oder Niederlage, Unterwerfung oder Bestrafung, Zustimmung oder Blockade. Diese Verengung beginnt nicht mit Sprache, sondern mit Handlungen. Der Krieg in der Ukraine ist längst mehr als ein territorialer Konflikt. Er ist eine fortgesetzte Machtdemonstration im Zentrum Europas. Raketen, Drohnen, zerstörte Infrastruktur, zivile Opfer – all dies sind nicht nur militärische Fakten, sondern politische Botschaften. Verhandlungen mögen stattfinden, doch stets im Schatten der Gewalt des starken Mannes. Krieg ist nicht länger das Scheitern der Diplomatie, sondern ihr begleitendes Signal. Ähnlich verhält es sich im Jemen, wo Gewalt seit Jahren normalisiert ist. Blockaden, Stellvertreterkriege und humanitäre Katastrophen sind dort zum dauerhaften Instrument regionaler Machtpolitik geworden. Der Krieg endet nicht, weil er nicht enden soll. Er stabilisiert Hierarchien und demonstriert Durchhaltevermögen. Besonders deutlich wird diese Logik auch in der militärischen Aggression der USA gegenüber Venezuela. Unabhängig von juristischen Rechtfertigungen handelt es sich um eine imperiale Machtdemonstration. Die eigentliche Botschaft richtet sich nicht an Caracas, sondern an die Weltgemeinschaft: Seht, was wir können. Seht, wie weit wir gehen. Macht wird nicht mehr ausgehandelt, sondern vorgeführt. Diese Entwicklung ist kein Zufall. Auf dem World Economic Forum in Davos wurde von einer Rückkehr zur „Great Power Politics“ gesprochen – einer Weltordnung, die wieder von Machtprojektion, Abschreckung und militärischer Stärke geprägt ist. Der berühmte Schlag auf den Tisch ist zurückgekehrt als legitime politische Geste. Drohungen gelten heute als legitimes Machtinstrument. Rhetorisch als „Abschreckung“ oder „rote Linien“ verbrämt, sind sie funktional nichts anderes als Erpressung: Füge dich – oder trage Konsequenzen jenseits der Sache selbst. Psychologisch wirkt die Drohung wie Aggression: Sie verengt Zeit und Optionen und verschiebt Entscheidungen von Abwägung zu Angst. Ihre Botschaft ist stets dieselbe: Autonomie ist widerruflich. Aktuelle Drohgebärden aus dem Iran, insbesondere die Vergeltungsankündigungen der religiösen Führung, fügen sich nahtlos in dieses Muster. Es geht weniger um Taten als um psychologische Raumgestaltung: Kosten steigen, Risiken kippen, Optionen schrumpfen. Drohung wird zur Diplomatie ohne Verhandlungsspielraum. Historisch betrachtet sind Drohung und Weigerung keine neuen politischen Techniken, sondern klassische Machtinstrumente mit klar unterscheidbaren Traditionen. Die Drohung wurde von Herrschern wie Dschingis Khan in ihrer effizientesten Form eingesetzt: selten, glaubwürdig und endgültig – wirksam nicht durch Eskalation, sondern durch ihre Verlässlichkeit. Machiavelli hat diese Logik theoretisch gefasst, indem er Angst als stabileres politisches Fundament beschrieb als Zuneigung – vorausgesetzt, sie bleibt kalkulierbar. Die Weigerung folgt einer anderen Logik: Sie sichert Macht nicht durch Expansion, sondern durch Stillstand. Figuren wie Metternich oder Franco regierten weniger durch Gestaltung als durch systematische Verzögerung. Verweigerung wirkt unspektakulär, aber nachhaltig – sie konserviert Macht durch Zeit. Adolf Hitler nimmt in dieser Typologie eine Sonderstellung ein. Er war kein Meister der kalkulierten Drohung, sondern ihr Extremfall. Drohung wurde bei ihm zum Dauerzustand, Eskalation zum Selbstzweck. Damit verlor sie ihre steuernde Funktion: Politik ging vollständig in Gewalt auf. Wo Drohung total wird, hört sie auf, Instrument zu sein – und hinterlässt nur Zerstörung. Neu ist die heutige Kombination dieser Techniken – und ihre Popularität vor allem als Stil. Der Erfolg dieser Strategie liegt weniger in ihrer Brutalität als in ihrer ästhetischen Einfachheit. Drohungen sind verständlich, medientauglich, performativ. In einer auf Aufmerksamkeit und Empörung getrimmten Öffentlichkeit sind sie wirksamer als jede Erklärung. Parallel dazu etabliert sich ein zweites Instrument: die Weigerung. Sie gibt sich als Prinzipientreue oder Souveränität, ist psychologisch jedoch regressiv. Die heutige Weigerung ist kategorisch, absolut, demonstrativ unproduktiv. Sie ist nicht das begründete Nein demokratischer Opposition, sondern das kindliche Nein der Blockade: Ich mache nicht mit – und schulde keine Erklärung . Diese Haltung speist sich aus einem spezifischen sozialen Habitus, der häufig – verkürzt – als der des „alten weißen Mannes“ beschrieben wird. Gemeint ist weniger ein biologisches Alter als eine Weltanschauung: geprägt von nicht hinterfragter Zentralität, privilegierter Selbstverständlichkeit, konservativer Besitzstandswahrung und dickbäuchigem Widerstand gegen gesellschaftlichen Wandel. Kompromiss erscheint hier nicht als demokratische Leistung, sondern als Statusverlust. Institutionalisierte Weigerung, etwa in Form systematischer Vetos und Blockaden, dient nicht der Positionierung, sondern der Lähmung. Das politische System soll scheitern, um die eigene Souveränität zu dramatisieren. Besonders deutlich wird dies dort, wo formale Loyalität mit faktischer Sabotage einhergeht. In manchen Fällen geht diese Weigerung über strukturelle Blockade hinaus und wird personalisiert. Politische Konflikte werden nicht mehr als Systemfragen verhandelt, sondern als Duelle zwischen Figuren. Gegner werden zu Gesichtern, Differenzen zu moralischen Absoluten. Politik verwandelt sich in eine Bühne persönlicher Fehde. Drohung und Weigerung gedeihen im Schwarz-Weiß-Denken, weil es psychologisch ökonomisch ist. Es reduziert Komplexität, entlastet von Verantwortung und stabilisiert Identität. Wer droht, muss nicht überzeugen. Wer sich verweigert, muss nicht teilnehmen. Diese Verrohung hat auch eine visuelle Entsprechung. Die politische Ästhetik schrumpft auf eine rohe Farbpalette. Blau – Ordnung, Kälte, Ausschluss. Rot – Disziplin, Opfer, historische Unausweichlichkeit. Oft kombiniert: dunkle Anzüge, rote Krawatten, choreographierte Flaggen auf Konferenztischen, im Schnee von Davos oder im Saal der Vereinten Nationen. Die Welt wird nicht mehr in Abstufungen gedacht, sondern in Primärfarben inszeniert. Was einst Bedeutung vermittelte, signalisiert nun Zugehörigkeit. Der tiefste Schaden, den Drohung und Weigerung anrichten, liegt nicht in einzelnen Entscheidungen, sondern in der Zerstörung der Fähigkeit zum Gelingen. Wo Drohung dominiert, verlieren Entscheidungen ihre Legitimität. Wo Weigerung dominiert, werden Entscheidungen unmöglich. Die Funktionsunfähigkeit des Systems ist kein Unfall, sondern Ziel. Drohung und Weigerung sind en vogue, weil sie Macht effizient inszenieren. Sie ersetzen Politik durch Pose. Sie versprechen Klarheit, wo eigentlich Aushandlung nötig wäre, und Stärke, wo Verantwortung gefragt ist. Wo Drohung normal wird, verkrampft Politik. Wo Weigerung zur Methode wird, erstarrt sie. In der personalisierten Politik dieses Jahrzehnts ist der Gegner weniger ein System als ein Gesicht, weniger ein Interesse als ein Name. Gemeint sind die Stars dieses politischen Zirkus: der einzigartige blonde Superstar Big D , die tektonischen Schwergewichte Mr. X und Mr. W , die unübersehbaren Dauergäste Mr. V und Little B – und das seltene, fast liturgische Erscheinen von His Holiness A .

Der weltweite Aufstieg des Rechtspopulismus ist kein Betriebsunfall der Geschichte, sondern ihr Symptom. Susanne Schröter beschreibt ihn in einem Kommentar unter dem Titel „Die AfD profitiert weiter vom Versagen der Politik“ in der Neue Züricher Zeitung am 15. Januar 2026 für Deutschland als Resultat einer wachsenden Repräsentationslücke: Parteien der Mitte entfremden ihre Wähler, delegitimieren Kritik, moralisieren Konflikte und wundern sich anschließend über den Zulauf zu jenen Kräften, die diese Lücke füllen. Was in Deutschland blau eingefärbt erscheint, ist international Teil eines breiteren Spektrums: rotbraun, schwarz, nationalistisch getönt – ein globaler Rückfall in autoritäre Verheißungen. Historisch ist das kein Ausnahmezustand. Neu ist nur die Verpackung. Gesellschaften, die sich überfordert fühlen, neigen zur Vereinfachung. In der Antike traten Tyrannen als „Volksfreunde“ gegen dekadente Eliten auf. In der frühen Neuzeit stabilisierten Monarchien ihre Macht durch göttliche Ordnung. Im 20. Jahrhundert legitimierten sich Diktaturen durch Notstand, Nation oder Ideologie. Autokraten erscheinen nie im luftleeren Raum. Sie wachsen dort, wo das bestehende System als komplex, kalt oder wirkungslos erlebt wird. Demokratie ist anstrengend. Sie verlangt Geduld, Ambivalenztoleranz und die Fähigkeit, Konflikte auszuhalten, ohne sie moralisch zu beenden. Autoritäre Modelle versprechen Entlastung: klare Linien, klare Feinde, klare Farben. Heute heißt diese Farbe häufig Blau. Wenn „Blau“ nicht mehr als politische Position gelesen wird, sondern als Schadstoff, verschiebt sich das gesamte Spielfeld. Dann geht es nicht mehr um Interessen, Zielkonflikte oder Lösungen, sondern um Reinheit. Wer blau denkt, spricht oder wählt, gilt nicht als Gegner, sondern als kontaminiert. Und Kontaminierten hört man nicht zu – man isoliert sie. Genau hier setzt der paradoxe Mechanismus moderner Demokratien ein: Ausgrenzung erzeugt Verdichtung. Soziologisch ist das trivial. Wo Widerspruch sanktioniert wird, zieht er sich zurück, organisiert sich in geschlossenen Räumen und radikalisiert sich. Politische Bewegungen entstehen nicht im Licht öffentlicher Zustimmung, sondern im Schatten moralischer Ächtung. Je enger die Bannzonen, desto homogener die Gegenöffentlichkeiten. Das Blau wird dunkler, nicht heller. Politisch ist das fatal. Jede öffentlich zelebrierte Empörung – jedes „Kein Platz für…“, jede moralische Bannmeile – ersetzt Auseinandersetzung durch Abwehr. Das stabilisiert das eigene Milieu, löst aber kein einziges Problem realer Lebenswelten: Sicherheit, Einkommen, Wohnraum, Zugehörigkeit, Kontrolle. Politik wird zur Haltungspflege, während die Alltagserfahrung der Bürger unadressiert bleibt. Ein Blick auf Zahlen unterstreicht das. In nahezu allen westlichen Demokratien liegt das Vertrauen in Parteien und Parlamente inzwischen unter 30 Prozent. In Deutschland geben regelmäßig über zwei Drittel der Befragten an, „von der Politik nicht gehört“ zu werden. Gleichzeitig steigen die Zustimmungswerte zu Parteien, die explizit mit Systemkritik operieren. Das ist kein Rechtsruck aus Überzeugung, sondern ein Protest aus Erschöpfung. Global betrachtet verstärkt sich dieser Trend. In den USA wird Donald Trump nicht trotz, sondern wegen seiner Grobheit gewählt – als Affront gegen ein politisch-mediales System, das vielen als selbstgerecht und abgehoben erscheint. In China perfektioniert Xi Jinping einen techno-autoritären Kapitalismus, der Effizienz über Freiheit stellt und damit für viele Staaten des globalen Südens attraktiver wirkt als westliche Demokratien mit langwierigen Entscheidungsprozessen. Russland wiederum zeigt die andere Seite: eine Autokratie, die sich durch Repression, Propaganda und äußere Eskalation selbst am Leben hält – und dabei zunehmend ihre eigene Substanz verbrennt. Die groteske Endzeitphantasie, in der Trump und Xi sich die Welt aufteilen, während Putin sich im Streit mit Kim Jong-un selbst in die Luft jagt, ist Satire. Aber sie berührt einen wahren Kern: Die liberale Weltordnung verliert ihre Selbstverständlichkeit. Nicht, weil Autokraten überlegen wären, sondern weil Demokratien unsicher geworden sind, wofür sie stehen – und wofür nicht. Hinzu kommt eine eigentümliche Utopie, die längst keine Randfantasie mehr ist: die Vorstellung einer bipolaren Weltordnung, dominiert von den USA und China, nicht mehr durch Ideologien, sondern durch Plattformen. In dieser Vision regieren keine Außenministerien mehr, sondern Aufmerksamkeitsökonomien. In Washington übernimmt ein Facebook-Ministerium die Verwaltung der Empörung, segmentiert nach Zielgruppen, Milieus und Kaufkraft. In Peking verantwortet ein TikTok-Ressort den globalen Takt aus Trends, Bildern und algorithmisch kuratierten Sehnsüchten. Politik reduziert sich auf Reichweite, Diplomatie auf Klickzahlen. Konflikte werden nicht gelöst, sondern monetarisiert, Kritik nicht widerlegt, sondern weggescrollt. Während sich beide Machtblöcke in einer permanenten Handels- und Konsumeuphorie austoben, wird die Welt nicht befriedet, sondern sediert. Freiheit bedeutet Auswahl zwischen Marken, Teilhabe reduziert sich auf Reaktion. Die große Erzählung lautet nicht mehr Fortschritt oder Gerechtigkeit, sondern Wachstum bei gleichzeitiger emotionaler Entleerung. In einer solchen Ordnung sind Autokratie und Demokratie kaum noch unterscheidbar – entscheidend ist nicht, wer herrscht, sondern wer den Feed kontrolliert. Neoliberale wie neofaschistische Fantasien speisen sich aus derselben Quelle: der Angst vor Kontrollverlust. Die einen träumen von der totalen Marktsteuerung, die anderen von kultureller Homogenität. Beide versprechen Ordnung ohne Konflikt. Beide blenden soziale Kosten aus. Und beide gedeihen prächtig in Gesellschaften, die politische Fragen in moralische verwandeln. Auch die Schweiz ist von dieser Entwicklung nicht ausgenommen, wenn auch in gedämpfter Form. Die Schweizerische Volkspartei erreicht seit Jahren stabil um die 27 bis 30 Prozent der Stimmen – deutlich mehr als jede andere Partei. Ihr Erfolg speist sich weniger aus Radikalität als aus dem Eindruck, Probleme klar zu benennen, während andere sie umschiffen. Der Unterschied zur EU liegt weniger im Inhalt als in der institutionellen Pufferung: Föderalismus, direkte Demokratie und reale Mitbestimmung wirken wie Stoßdämpfer gegen politische Überhitzung. Doch auch hier gilt: Wo Entscheidungen als entkoppelt vom Volkswillen wahrgenommen werden, wächst das blaue Reservoir. Deutschland wiederum gleicht zunehmend einem Aquarium mit eingefärbtem Wasser: kalt, trüb, normiert. Die „Blauen“ schwimmen darin nicht aus Eleganz, sondern weil die übrigen Parteien das Becken vergiftet haben. Empörung wird zur Choreografie, Demonstrationen zu Farbsynchronisationen, Talkshows zur Lackprüfung. Wer abweicht, gilt als „nicht ganz sauber“. Die Mehrheit lernt schnell: Sag nichts, wähl still. Die Wahlurne wird zum geheimen Malkasten. Wie bedenklich ist die Zukunft? Sie ist nicht apokalyptisch – aber fragil. Demokratien sterben heute nicht durch Panzer, sondern durch Apathie und Arroganz. Durch den Glauben, moralisch im Recht zu sein, statt politisch wirksam. Durch die Verwechslung von Gesinnung mit Gestaltung. Die Punchline ist deshalb unerquicklich logisch: Wenn Politik nur noch aus Warnhinweisen besteht („Achtung, blau!“), dann wählen Menschen nicht trotz, sondern wegen der Farbe. Nicht, weil sie sie lieben – sondern weil alles andere verblasst ist. Oder, gazettenhaft gesagt: Wer Blau zur einzigen verbotenen Farbe erklärt, braucht keinen Farbkreis mehr. Der Wahlabend wird ohnehin monochrom. Grafik: HP Entertainment © 2026 Quelle: Gastkommentar von Susanne Schröter in NZZ Meinung & Debatte: "Die AfD profitiert weiter vom Versagen der deutschen Politik – eine Korrektur bleibt aus" https://www.nzz.ch/meinung/die-afd-profitiert-weiter-vom-versagen-der-deutschen-politik-eine-korrektur-bleibt-aus-ld.1919364
Ich lese gerade das Buch von Anna Mayr „Mein Wohlstand kotzt mich an - Eine Persönliche Abrechnung“. Ich komme gleich zur Sache. Anna Mayrs Satz „Wenn man Geld hat, muss man also akzeptieren, dass andere leiden, während es einem selbst gut geht“ (auf Seite 9 3. Absatz) ist hart, klar, moralisch zugespitzt. Er funktioniert als Punchline, weil er Schuld erzeugt, Verantwortung erzwingt und den Leser nicht ausweichen lässt. Und doch ist er – bei aller analytischen Schärfe – verkürzt. Nicht falsch im politischen Sinne, aber unvollständig im menschlichen. Denn er setzt stillschweigend voraus, dass es ein Leben ohne Leiden gäbe, dass Geld dieses Leiden suspendiert und dass Ungleichheit primär eine asymmetrische Verteilung von Schmerz sei. Genau hier beginnt die Verblendung – nicht nur des Geldes, sondern auch seiner Kritiker. Leiden ist keine soziale Abweichung. Es ist Grundbedingung. Alle großen philosophischen und spirituellen Traditionen beginnen nicht mit Gerechtigkeit, sondern mit Leid. Der Buddhismus spricht von Dukkha: dem grundlegenden Unbehagen des Daseins. Nicht Armut ist Dukkha, nicht Reichtum, sondern Existenz selbst. Geburt, Alter, Krankheit, Verlust, Bindung, Trennung – sie treffen alle, unabhängig vom Kontostand. Geld kann Formen des Leidens verschieben, abschwächen, verzögern, ästhetisieren. Es kann sie aber nicht aufheben. Die Geschichte des Geldes ist deshalb nicht nur eine Geschichte der Ungleichheit, sondern eine Geschichte der falschen Versprechen. Ursprünglich ist Geld kein moralisches Konzept. Es entsteht als Mittel, nicht als Sinn. Als Tauschhilfe, als Speicher von Arbeit, als Zeitbrücke zwischen Bedürfnis und Erfüllung. Erst sehr spät wird es mit Bedeutung überladen: mit Sicherheit, Freiheit, Würde, ja sogar Glück. Genau in diesem Moment beginnt seine metaphysische Karriere – und seine Verblendung. Denn Geld verspricht, was es strukturell nicht halten kann: Erlösung vom Menschsein. Wer wenig Geld hat, leidet häufig an materieller Unsicherheit, an Ausschluss, an Ohnmacht gegenüber Institutionen. Dieses Leiden ist real, brutal, politisch verursacht und politisch zu bekämpfen. Daran gibt es nichts zu relativieren. Aber daraus folgt nicht automatisch, dass diejenigen mit Geld weniger leiden oder gar nicht leiden. Sie leiden anders. Und oft an genau dem, was Geld verspricht zu lösen. Die unerzählte Geschichte des Geldes ist die Geschichte der Verschiebung des Leidens von außen nach innen. Mit wachsendem Wohlstand verschwinden existenzielle Sorgen – aber es entstehen neue Formen der Angst: Verlustangst, Statusangst, Sinnverlust, Entfremdung. Beziehungen werden fragiler, weil sie nicht mehr notwendig sind. Identität wird prekärer, weil sie nicht mehr durch Mangel stabilisiert wird. Wer alles kann, muss ständig wählen – und jede Wahl erzeugt Schuld. Es ist kein Zufall, dass Depression, Suizid und Sucht in wohlhabenden Milieus nicht verschwinden. Sie ändern nur ihr Vokabular. Aus Hunger wird Leere. Aus Kälte wird Isolation. Aus Überleben wird Bedeutungslosigkeit. Das sind keine „mondänen Probleme“, sondern existentielle. Ein verlorenes Haus, ein Auto, eine Partnerin sind keine Dinge – sie sind Projektionsflächen für Sinn, Zugehörigkeit, Selbstwert. Wenn sie wegfallen, fällt nicht Luxus, sondern Identität. Geld macht nicht glücklich. Aber Armut macht auch nicht weise. Die moralische Falle vieler zeitgenössischer Geldkritiken – so berechtigt sie politisch sein mögen – liegt darin, Leiden zu hierarchisieren. Als gäbe es „echtes“ Leiden unten und „unechtes“ oben. Als wäre Schmerz erst dann legitim, wenn er existenziell messbar ist. Diese Hierarchisierung ist verständlich, aber gefährlich. Sie trennt Menschen, wo Gemeinsamkeit beginnen müsste. Denn die eigentliche Verblendung des Geldes ist nicht, dass es Ungleichheit schafft. Das tut jede Ordnung. Seine tiefere Verblendung liegt darin, dass es Leiden individualisiert und moralisiert. Die Armen sollen sich schämen, die Reichen sollen sich schuldig fühlen. Beides verhindert Erkenntnis. Der Arme fragt: Was habe ich falsch gemacht? Der Reiche fragt: Wie kann ich mich entlasten? Beide Fragen kreisen um das Ich. Keine um das System. Und keine um das Menschsein. In diesem Sinne ist der Satz „Wenn man Geld hat, muss man akzeptieren, dass andere leiden“ zwar politisch mobilisierend, aber anthropologisch zu flach. Er suggeriert ein asymmetrisches Leiden, wo in Wahrheit ein universelles vorliegt. Er macht aus Geld einen moralischen Schuldträger – und entlastet damit die viel größere Illusion: dass Glück, Sinn oder Frieden käuflich wären. Die Lehren des Buddha sind hier unbequem aktuell. Nicht, weil sie Armut romantisieren, sondern weil sie Begehren als Ursache des Leidens identifizieren. Geld ist eines der effizientesten Begehrensträger, die die Menschheit je erfunden hat. Es verspricht Kontrolle über Unkontrollierbares: Zeit, Verlust, Tod. Je mehr man davon hat, desto subtiler wird das Begehren – und desto raffinierter die Enttäuschung. Das heißt nicht, dass Ungleichheit hinzunehmen wäre. Im Gegenteil. Politisch muss man gegen Armut kämpfen, nicht weil Reichtum moralisch falsch ist, sondern weil unnötiges Leiden vermeidbar ist. Aber man sollte nicht glauben, dass die Abschaffung von Ungleichheit die Abschaffung des Leidens nach sich zieht. Das ist eine säkulare Erlösungsfantasie – und Geld ihr heimlicher Gott. Vielleicht wäre eine andere Punchline ehrlicher, wenn auch weniger zugespitzt: Wenn man Geld hat, leidet man nicht weniger – man leidet komplizierter. Und vielleicht liegt die eigentliche Aufgabe unserer Zeit nicht darin, Schuld zu verteilen, sondern Illusionen zu entlarven. Die Illusion, dass Glück eine Frage der Mittel sei. Die Illusion, dass moralische Reinheit durch Verzicht erreichbar wäre. Und die Illusion, dass es ein Leben gäbe, in dem es nur den einen trifft und den anderen verschont. Die unerwähnte Geschichte des Geldes ist keine Anklage. Sie ist eine Warnung: Wer glaubt, Geld trenne die Leidenden von den Nicht-Leidenden, hat bereits der größten Verblendung erlegen. Trotz allem ein hervorragend geschriebenes Buch, daher mein Buchtipp: Anna Mayr, Mein Wohlstand kotzt mich an, Taschenbuch, Heyne Verlag, München, 2024, ISBN: 978-3-453-60693-7 Grafik: HP Entertainment © 2026

1. Principles The Allies reaffirm their enduring commitment to the principles of sovereignty, territorial integrity, the rule of law, and collective defence, as enshrined in the Washington Treaty and the Charter of the United Nations. NATO remains a defensive Alliance, united by shared democratic values and a rules-based international order. 2. Recent Developments The North Atlantic Council has taken note of reports concerning recent U.S. actions involving Venezuela, including allegations of a military operation leading to the detention and transfer of President Nicolás Maduro. At the time of this communiqué, no internationally recognized mandate, including authorization by the UN Security Council or proceedings before an international judicial body, has been publicly confirmed. The Allies underscore the importance of clarity, transparency, and adherence to international law in all actions affecting international peace and security. 3. Rule of Law and Use of Force The Allies recall that the use of force under international law is permissible only in accordance with the UN Charter, including the principles of necessity, proportionality, and legal authorization. The conflation of criminal prosecution, military force, and political authority risks undermining the distinction between law enforcement and armed conflict, with broader implications for international stability. 4. Territorial Integrity and Arctic Security The Allies reaffirm their unwavering support for the sovereignty and territorial integrity of all NATO members, including the Kingdom of Denmark and its autonomous territory of Greenland. The Arctic region is of increasing strategic importance. Accelerated climate change, resource accessibility, and emerging sea routes require cooperative security approaches, not unilateral pressure or coercion among Allies. Any challenge to the territorial integrity of an Ally undermines Alliance cohesion and collective deterrence. 5. Alliance Cohesion and Strategic Environment The Council notes that any erosion of trust or unity within the Alliance directly affects NATO’s ability to deter threats and maintain stability across the Euro-Atlantic area. Such fragmentation objectively benefits strategic competitors, including Vladimir Putin, whose policies seek to weaken transatlantic cohesion, and Xi Jinping, whose global posture increasingly combines economic leverage with coercive influence. NATO will continue to address these challenges collectively, proportionately, and in full respect of international law. 6. Climate and Security The Allies recognize climate change as a threat multiplier, particularly in regions such as the Arctic. Environmental degradation, resource competition, and geopolitical rivalry are increasingly interconnected. NATO supports coordinated international efforts to mitigate climate-related security risks while maintaining Alliance readiness. 7. Conclusion The Allies reaffirm that Alliance strength rests on unity, legality, and mutual trust. NATO will continue to: uphold international law, support multilateral institutions, defend the sovereignty of its members, and engage responsibly in a rapidly evolving global security environment. The North Atlantic Council will continue to monitor developments closely and consult as necessary, in accordance with the Washington Treaty. Read more about my comments to this topic on Substack: https://hanspfleiderer.substack.com/publish/post/183663766

Ich bin so wütend und frustriert. Und natürlich bin ich es auf zivilisierte Weise: mit Tee zum Herzerwärmen, mit Sehnsucht nach Zärtlichkeit, mit kalten Fingern vom Eisblumen-Zählen, irgendwo am Rand eines Jahres, das sich wie ein Ausverkauf anfühlt. Ein wunderschöner Tag, Kunstgalerie, Felder, Freundschaft, dieses leise Einverständnis zwischen Menschen, das nichts kaufen will. Ein Tag, der eigentlich genügt hätte. Doch dann kommt er zuverlässig, dieser Refrain, wie ein schlecht programmierter Jingle: Du bist so vielseitig. Und der Subtext, geschniegelt, geschniegelt bis zur Unkenntlichkeit: Du willst beeindrucken. Wie unerquicklich bescheiden die Gesellschaft geworden ist. Wer mehrere Dinge kann, muss verdächtig sein. Wer sich nicht spezialisiert wie ein Ersatzteil, stört den Warenfluss. Dabei ist Vielseitigkeit nichts anderes als Überlebenstechnik. Psychologisch gesprochen: Anpassungsfähigkeit. Anthropologisch: Jäger-und-Sammler-Software. Ökonomisch: Ressourcennutzung. Aber im Schaufenster der Gegenwart heißt das: Angeberei. Ja, ich baue Häuser. Ich male, ich fotografiere, ich mache Musik. Ich lebe davon. Ja, ich repariere meine Autos, seit ich dreizehn bin, schraube an Motoren herum, weil ich wissen will, wie Dinge funktionieren. Nicht aus Eitelkeit, sondern aus Notwendigkeit. So wie ein Bauer auf seinem Selbstversorgerhof. Dem sagt auch niemand: Du melken Kühe, fahren Traktor, reparieren Zäune, kochen Suppe, zeugen Kinder – wow, wen willst du beeindrucken? Absurd, oder? Aber genau hier beginnt die Satire unserer Zeit: Alles, was nicht gekauft wird, sondern gekonnt ist, gilt als Provokation. Ich probiere mich ständig aus. Nicht, weil ich „muss“, sondern weil Stillstand der wahre Luxus ist – und ich mir den nicht leisten kann. Seltsam nur, dass gerade beim Dating diese Vielstimmigkeit plötzlich als Bedrohung gelesen wird. Kleingehalten zu werden, nennt man das in der Psychologie übrigens nicht Feedback , sondern Abwehr . Wenn ich so bin, wie ich bin, bin ich zu viel. Zu laut, zu bunt, zu vielseitig. Die implizite Wunschfantasie scheint eher zu lauten: Komm im Overall, ölverschmiert, sag „Hey Baby“, reduziere dich auf Funktion, dann Netflix, dann Ruhe. Bitte keine Persönlichkeit, das stört die Abendplanung. Beim zweiten Date – ich hatte mich bereits diszipliniert wie ein dressierter Zirkuslöwe – kreativer Smalltalk, Lächeln, locker, goofy, kein Podium, kein Monolog – kommt das Urteil: kein Herzflattern, lieber Freundschaft, Austausch als Künstlerin mit Künstler. Gesagt in einem Moment der Erschöpfung, wie beim ersten Date. Müdigkeit ist also heute ein Argument. Vielleicht, weil Intensität anstrengend ist, wenn man sie nicht wegscrollen kann. Dann die Kritik: Ich rede zu viel von mir. Ich stelle mich in den Vordergrund. Ich hätte das doch gar nicht nötig. Wie gnädig. Wie pädagogisch. Und währenddessen – Mädels unter sich – wird stundenlang philosophiert und referiert. Über Picasso, Monet, die Moderne, Jane Austen, den neuesten Liebesfilm, das nächste französische Meisterwerk. Kultur als Konversationsware. Analyse als soziale Währung. Niemand nennt das Angeberei, weil es kanonisiert ist. Es kostet nichts, außer Zeit, Falafel und ein Glas Wein. Wer die Film- und Musikindustrie von innen kennt, weiß: Wahrnehmung ist kein romantischer Prozess, sondern Schwerarbeit. Schweiß, Machtspiele, Grenzüberschreitungen, Demütigung. Nichts gegen Method Acting, aber auch Me-too, Dinnerpartys, Suff, Langeweile in Bars, die niemand wirklich mag. Und am Ende dieses Weges steht das Trostpflaster der Konsumgesellschaft: Konkurrierende Streamingdienste für 5,99 € im Monat, Spotify im Abo. Kultur als Sedativum. Leichte Kost. Kein Risiko. Kein Dialog. Nur ein Daumen hoch für den Algorithmus, der dann das nächste passende Gefühl ausspuckt. In meinem Studio hingegen läuft meine Musik. Meine Texte werden vorgelesen. Meine Bilder hängen an der Wand. Nicht kommerziell, nicht gefällig. Mir musst du nicht schmeicheln , sage ich. Sag mir, was nicht funktioniert. Und genau da wird es zu viel. Ehrlichkeit ist unpraktisch. Sie lässt sich nicht pausieren. Also zurück zu Spotify. Zur Konsumhaltung. Zuhören ohne Verantwortung. Kultur ohne Gegenüber. „Keine Beine breit machen müssen“ , denke ich bitter, „das bleibt uns Kulturarbeiter:innen vorbehalten.“ Die Konsumgesellschaft liebt das Ergebnis, verachtet aber den Weg. Sie will das Werk ohne den Menschen. Die Ernte ohne das Feld. Den Applaus ohne die Probe. Ich reiße mir weiterhin den Arsch auf – und wofür? Für eine Bühne? Für Witze? Soll ich jetzt auch noch Comedy schreiben? Das Leben ist längst grotesk genug. Tragisch-komisch, süß und bitter. Und falls ich je eine Ikone würde: Welcher Teenager hängt sich ein Poster von einem Opa an die Wand? Eben. Vielleicht legte ich in meinem Moment der Müdigkeit verlegen meinen Kopf auf ihre Schulter und flüsterte wie ein sprachunbegabter Teenager, "Ich mag dich." Oder hätte ich doch schon beim Spaziergang sagen sollen: "May I hold your hand, baby?" Egal. Träume weiter. Die Konsumgesellschaft wird weiterhin Daumen heben, während andere Hände blutig arbeiten. Nicht erst seit Spotify.

Ich richte meinen Scheinwerfer heute auf Schurken und Millionäre. Mittags fuhr ich im Auto in meine Werkstatt, was ich häufig tue, eigentlich fast täglich, und hörte – wie immer, mit diesen neugierigen Ohren, die mir schon so viel Ärger eingebracht haben – den Deutschlandfunk. Ich drückte übrigens auf irgendeinen Knopf des Radios. Und was hörte ich da, es dauerte keine zwei Minuten, bis es funkte. Nicht im technischen Sinn, sondern im nervlichen, im zerebralen, im tragödienhaften Sinn. Man brachte einen Podcast mit dem Titel Lawless London . Ich hörte zu. Was sonst. Ich höre zu bis zum bitteren Ende, bis zum jüngsten Gericht. Ich bilde mir ein, man müsse an so etwas Eklatantem dran bleiben, um es später verwerfen zu dürfen. Also hörte ich konsequent zu. Sehr aufmerksam! Und ich hörte vor allem eines: Unsinn. Nicht irgendeinen Unsinn, sondern jenen besonders hartnäckigen, internationalen, transatlantischen Unsinn, der sich mit politischem Pathos auflädt und sich peinlich genau als Analyse ausgibt, obwohl er nichts weiter ist als Geräusch, Geplätscher, Geplapper, gefährlicher rhetorischer Smog. Ich begann irgendwann laut zu schreien. Nicht aus Widerspruch, sondern aus purer körperlicher Notwendigkeit. Ich hatte meine Trompete zu Hause gelassen, was ein Fehler war, denn ich war ja nicht auf dem Weg in den Übungsraum, sondern nur in meine Werkstatt, wo man arbeitet und nicht tönt. Donald Trump und sein immer wieder erstaunlich produktives Umfeld – erstaunlich vor allem angesichts der geistigen Voraussetzungen – hatten erneut eine Unerträglichkeit zum Besten gegeben. Eine, von der man dachte, schlimmer könne es nun wirklich nicht mehr kommen, nur um festzustellen, dass genau das ihr eigentliches Talent ist. Und diese Geschichte schmerzte meinen Allerwertesten ganz gehörig, was ich nicht anders sagen kann. Trump sagt, London sei in die Hände muslimischer Einwanderer gefallen. Erobert wie Troja. Oder belagert wie Stalingrad? Sie hätten der Stadt ihre Kultur übergestülpt, Angst und Schrecken verbreitet, London versinke im Verbrechen. Echt jetzt? Es gebe Stadtteile, in die sich nicht einmal mehr die Polizei wage. Und über den Bürgermeister sagt er pointiert, wie man es an ihm so schätzt: Terrible Mayor. Terrible Man. Und schließlich, als Höhepunkt dieser intellektuellen Bergbesteigung: I hate what happens to London. Das ist kein Befund. Das ist kein Bericht. Das ist ein narzisstisches Wiegenlied in Reinform. Trump schreit nicht, weil er etwas zu sagen hätte, was man ihm vielleicht aus Gewohnheit immer noch unterstellt. Er schreit, weil er nicht zuhören kann. Eine Fähigkeit, die ihm strukturell unmöglich ist. Er bläst seine Trumpet , unaufhörlich, amateurhaft, und er kennt nur einen Ton. Den eigenen. London ist für ihn kein urbanes Gefüge, keine historisch gewachsene Stadt, sondern reine Projektionsfläche. Für Kontrollverlust. Für Überfremdungsfantasien. Für die Kränkung eines Mannes, der sehr wohl spürt, dass die Welt sich weiterdrehen wird, einfach so, auch wenn es um ihn irgendwann still geworden ist. Und Londons Bürgermeister Sadiq Khan wird nicht kritisiert, nein – er wird markiert. Nicht wegen Politik, sondern wegen Symbolik. Terrible Man ist kein Urteil. Es ist ein Code. Und Codes sind immer bequemer als Gedanken. Was Trump rhetorisch vorexerziert, setzen andere ästhetisch fort. Influencer wie Seine Eiligkeit Kurt Caz sind ambulante Erregungsmaschinen, wandern mit laufender Kamera über die Oxford Street und erklären sie zur most infamous street in the UK . Unzählige Handys, oder waren es achtzehn, würden dort täglich gesnatcht, sagen Caz. Etwas liege in der Luft. Something is brewing . Was genau, bleibt offen. Offenheit ist ihr Geschäftsmodell. Der Milliardär instrumentalisiert Angst politisch. Der Influencer monetarisiert sie algorithmisch. Er filmt nicht London, er filmt die Erregbarkeit seines Publikums. Beide liefern dasselbe Produkt: diffuse Bedrohung ohne Kontext, ohne Maß, ohne Verantwortung . Und dann – beinahe unerquicklich nüchtern – meldet sich die Realität. Der Chef von Scotland Yard kommentiert diese Behauptungen mit zwei Worten, ganz unspektakulär: Complete nonsense! Mehr braucht es eigentlich nicht, und doch braucht es offenbar sehr viel mehr, weil Nonsense heute lauter ist als Wirklichkeit. Bei dieser großartigen Gelegenheit, sei ohne Metapher erwähnt, keine Finte, sondern ein banaler Umstand: Ich war gerade selbst in London. Ich schlenderte mit einer überdimensionierten Einkaufstasche in der Hand, darin ein frisch erworbener navyblauer Burberry-Trench, die Oxford Street entlang. Und wissen Sie was? Kein Hahn krähte. Niemand riss mir das Handy aus der Hand. Niemand stülpte mir seine Kultur über. Niemand machte mir Angst. Niemand. Stattdessen dachte ich an Müller-Lüdenscheidt und Dr. Klöbner, die sich über eine Ente in der Badewanne stritten, wie sich die Deutschen nun einmal streiten, wenn sie glauben, es gehe um Wahrheit. Und ich dachte mir: So ist das also. So funktioniert das. Und London tat, was es seit Jahrhunderten tut. Es war laut. Widersprüchlich. Lebendig. Eine Stadt. Kein Mythos. Dass meine Hirnschale dabei nicht abhob wie eine russische Atomrakete mit Putin-Aufkleber, verdanke ich nur einem Umstand: Ich hörte währenddessen das Album Humanity meiner persönlichen Freundin Kennedy . Immer wieder schön. Ungeheuerlich. Musik als Gegengift. Rhythmus statt Rhetorik. Und siehe da: Gelassenheit kehrte ein. Der Puls sank. Die Trumpet verstummte. Denn nichts entlarvt apokalyptische Erzählungen schneller als die schlichte Anwesenheit eines Körpers im realen Raum. Wer wirklich dort war, braucht keine Angstfantasien. Wer wirklich mit beiden Füssen auf der Erde steht, muss nicht raunen. Wer wirklich hört, schreit nicht. London ist keine Erzählung. London ist ein Ort. Und Orte lassen sich nicht wegblasen. Auch nicht von Millionären mit Megafon. Jeder sollte erst einmal vor seiner eigenen Tür kehren. Ende mit einem sanften Lächeln. Smooth sailing, folks. https://www.deutschlandfunk.de/lawless-london-debatte-um-kriminalitaet-100.html

Ich bin der Wolf, den sie nicht bändigten, sondern banden.
Nicht weil ich wild war, sondern weil ich sah – und verletzt war. Ich patrouillierte an den Rändern der Welt, dort, wo sich das Eis in haushohen Wänden von der Masse löst, in die Fluten stürzt und Bände spricht, während die Menschen gezwungenermaßen so tun, als schwiegen sie. Sie schwiegen, weil sie in ideologischer oder materieller Not waren – sie waren wider Erwarten schon wieder übergangen, nicht befördert, nicht gesehen worden. Und doch hörte ich zu, wie sie erst flüsterten, dann im Suff krakeelten und schließlich bösartig über andere redeten: über die Armen, über die Reichen, über „die da unten“ und „die da oben“.
Nie aber mit ihnen. So ist es geblieben. Nur die Gewänder haben sich geändert. Heute heißen sie Redaktionen. Über die Elenden und die Unantastbaren Ziehen wir zwei Bestseller aus dem Regal einer verschwindenden Institution: dem Buchladen.
* Und siehe da: Anna Mayr steigt hinab. Julia Friedrichs steigt hinauf. Die eine blickt in die Schächte der Gesellschaft, wo Formulare schwerer wiegen als Leben. Die andere in die verglasten Höhen, wo Geld sich selbst rechtfertigt. Beide sind Journalistinnen, beide Akademikerinnen, beide Teil jenes Systems, das sie beschreiben – und brauchen, oder gebrauchen. Beide erzählen von Gruppen, die in den Medien ständig vorkommen und doch sprachlos bleiben. In diesen Erzählungen erscheinen die Armen als Fall, die Reichen als Phänomen. Beide als Objekte. Denn das ist der eigentliche Skandal unserer Zeit: Die Betroffenen kommen nicht zu Wort. Es wird über sie berichtet. Journalismus als gezähmte Jagd Der Journalismus nennt das Aufklärung. Ich nenne es Zähmung. Lassen Sie mich ein paar Beispiele nennen: In der ZEIT spricht man sanft über soziale Ungleichheit, als wäre sie ein Naturphänomen. Präzise, klug, aber stets aus sicherer Höhe. Die New York Times katalogisiert Armut und Reichtum mit moralischem Ernst, doch ihre Stimme bleibt die des liberalen Staates: korrekt, distanziert, institutionell. Der New Yorker ästhetisiert beides – Elend wie Exzess werden zur literarischen Landschaft, wunderschön, fern, beinahe harmlos. Im Fernsehen ist es ein klein wenig gröber: Die ARD erklärt, ordnet ein, moderiert – Betroffene dürfen sprechen, aber nur in O-Tönen: kurz, geschnitten, entkräftet. Al Jazeera gibt den Ausgeschlossenen global mehr Raum, doch auch hier wird Leid oft zur geopolitischen Evidenz. Fox News schließlich kennt keine Ränder, nur Feindbilder: Armut ist persönliches Versagen, Reichtum moralischer Beweis. Dort sprechen die Betroffenen gar nicht – sie werden benutzt. Überall dasselbe mediale Muster: Sichtbarkeit ersetzt Stimme. Sensationalismus und die neue Ghettoisierung Reichtum wird exotisiert.
Armut wird pathologisiert. Zurück zu unserer Auswahl aus dem Regal – solange es noch existiert: Crazy Rich funktioniert, weil es erlaubt, in Tresore zu blicken, ohne sie zu öffnen. Die Elenden schmerzt, weil es zeigt, dass das System funktioniert – nur nicht für alle. Doch beide Bücher laufen Gefahr, genau das zu tun, was sie kritisieren: Sie markieren Ränder, wo Verbindungen sichtbar gemacht werden müssten. Der Wolf in mir weiß das. Ich setze zu einem heiseren Jaulen an: Es gibt kein Oben ohne Unten. Kein Unten ohne Oben. Autobiografie als Wunde – Distanz als Schild Anna Mayr schreibt mit offener Haut. Ihre Biografie ist keine Zierde, sie heult auf wie ein Motor mit vielen Kilometern. Sie riskiert etwas: Glaubwürdigkeit durch Verletzlichkeit, Angriff durch Nähe. Julia Friedrichs bleibt hingegen geschützt. Ihre Distanz ist professionell – und politisch bequem. Sie riskiert weniger und gewinnt gerade dadurch Reichweite. Beides ist Journalismus.
Aber nur eines tut weh. Der gezähmte Wolf spricht zuletzt Ich bin gezähmt, ja. Ich produziere Dokumentarfilme, schreibe Kolumnen, Essays, Analysen, meinen Blog. Ich kenne die Sprache der Akademien, die Etikette der Redaktionen, die Eliten der Beschöniger. Ich war in Hollywood – bis ich es nicht mehr ertragen konnte: die Zähmung. Doch ich erinnere mich an eine Zeit, in der Geschichten nicht über Menschen erzählt wurden, sondern von ihnen. Der Journalismus unserer Gegenwart ist klug, moralisch, vielfach preisgekrönt – und doch oft feige. Er spricht für andere, weil er ihnen nicht zutraut, selbst zu sprechen. Oder schlimmer: weil ihre Stimmen das System stören würden, das ihn bezahlt. Ich heule nicht. Ich jaule. Und ich vergesse nicht. * Julia Friedrichs, Crazy Rich: Die geheime Welt der Superreichen, Berlin Verlag, 2024, ISBN: 978-3827015129 https://www.amazon.de/Crazy-Rich-geheime-Welt-Superreichen/dp/382701512X Anna Mayr, Die Elenden: Warum unsere Gesellschaft Arbeitslose verachtet und sie dennoch braucht, Rowohlt Taschenbuch, 2023, ISBN: 978-3499011245 https://www.amazon.de/Die-Elenden-Gesellschaft-Arbeitslose-verachtet/dp/3499011247/ Bild: HP Entertainment

Die Inszenierung von Anne Bernreitner ist nicht bloß ein Eigentor, sondern ein Volltreffer ins eigene Gesicht — eine Operetten-Implosion, bei der selbst Johann Strauss im Jenseits nach einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung greifen würde. Das Opernhaus Zürich hat Die Fledermaus nicht aus ihrem Traum gerissen, nein — es hat sie betäubt, seziert, falsch zusammengenäht und dann stolz behauptet, es handle sich um ein zeitgenössisches Update . Die Stromleitung, von der Strauss seine funkelnde Spannung bezog, wurde von Bernreitner & Co. kurzerhand an den Starkstromkasten des politischen Moralunterrichts angeschlossen. Jeder Ton durfte nur noch durch, wenn er zuerst durch den Genderfilter, den Selbstoptimierungsprüfer und den identitätspolitischen TÜV geschickt worden war. Währenddessen zahlte das Publikum Preise, bei denen selbst die Zürcher Immobilienbranche errötet. 335 Franken für eine Premiere, die sich aufführte, als wäre sie ein pädagogischer Wandertag mit musikalischem Materialrecycling . Und dann die seichten Lobhudeleien im Anschluss, die Beschönigungsrede eines frisch installierten Intendanten, der noch immer den Duft der Vertragsmappe im Haar trägt — alles garniert mit billigem Sekt, der vermutlich die gleiche Herkunft hat wie die Ideen des Abends: aus der Abteilung „Alles muss weg“ . Der Abend fühlte sich an wie ein gut gemeinter Kindergeburtstag, organisiert von Menschen, die gleichzeitig Angst vor Luftballons, Kuchen und Spaß haben. Das wirkliche Drama beginnt aber dort, wo Strauss in Zürich zum Fallbeispiel eines gesellschaftlichen Therapieseminars umfunktioniert wurde. Operette? Nein — Zwangsbeglückung mit theoretischem Kunstdünger. Man schaufelte so viel Jelinek, Menasse, Jung, Adichie und GCI darüber, dass darunter selbst ein Mammut erfrieren würde. Es war, als hätte jemand gesagt: „Die Fledermaus ist fröhlich — das können wir so nicht stehen lassen! Schnell, bringt Ernsthaftigkeit! Ernsthaftigkeit!! Und Tango! Und Textbausteine!“ Und jemand anders rief: „Wir retten das Stück, indem wir es vollständig austauschen!“ Der Abend war eine politische PowerPoint-Präsentation im Kostüm einer Operette . Ein dramaturgischer Zauberkasten, aber leider einer, bei dem jedes Fach mit denselben drei Tricks gefüllt ist: 1. Ironisierung, 2. Dekonstruktion, 3. Überdeutung und am Ende das große Finale: „Wir wissen’s besser als Strauss.“ Lustig nur, dass Strauss seit 1874 ununterbrochen gespielt wird — Bernreitner muss erst noch beweisen, dass sie morgen in Zürich noch jemand kennt, der nicht beruflich dazu verpflichtet ist. Und so verließ ich den Saal wie jemand, der erkennt, dass er nicht in einer Operette saß, sondern in einem soziopolitischen Escape Room , aus dem man nur durch spontane Selbstachtung entkommt. Ich glitt die Treppe hinunter, bestellte Champagner mit derselben Verzweiflung, mit der andere Menschen auf Schmerzmittel zugreifen, und erhob mein Glas auf eine Erkenntnis, die mich unerwartet tröstete: Die Zürcher Fledermaus war keine Fledermaus — sie war das Ei des Vogelstrauss, aus dem ein missmutiges, flugunfähiges Regietheaterküken schlüpfen wollte. Aber es blieb im Ei stecken. Und damit torkelte ich in die regnerische Zürcher Nacht.

Hamburg, in December, glitters the way cities do when they want to distract you. Christmas lights hang like delicate lies above the streets, offering comfort in a season that has grown thin from giving. The city pretends to be generous. But like so much of the world now, Hamburg has nothing left to give . These are hard days. Taxes and military budgets are the new shadows , and no constellation of white bulbs can keep them from showing. Just behind the Rathaus, down a short street that doesn’t care for tourists, sits the Nica Club —a small, breathing room built for three hundred listeners who, knowingly or not, come here to remember something they once believed about beauty. The place does not perform charm; it simply holds you, the way a small church holds its tired faithful. On this night, Kennedy steps onto the stage. She wears pink regalia and soft slippers , as though she has carried a piece of Brooklyn with her, unbothered by the distance. Before the music begins, she slips into a pair of high heels —shoes that might have been purchased minutes earlier in the nearby cathedrals of Prada or Dior . The gesture is small, almost intimate, and yet carries the weight of a woman choosing her own form of power. Her band—the Kennedy Administration —forms a quiet circle around her: keys, bass, guitar, and a German drummer brought along for the tour. They are not background; they are a conversation, a living rhythm that rises to meet her voice rather than follow it. She sings of love, of life, of honor . Words that, in another age, might have sounded sentimental. But today, coming from Brooklyn—a place still alive but pressured by political nightmares—they sound like a plea, a warning, and a promise carried in the same breath. America is a country wrestling itself in the dark. With Trump’s return to prominence, the old fears have found new teeth. Artists, immigrants, queer folk, the vulnerable, and the brave find themselves once again navigating a nation that wishes to narrow the meaning of freedom. Hans sits in the front left corner , not hiding, not observing from a distance. He swings early, almost involuntarily, the way a soul responds when it recognizes something that once raised it. He has known music like this before—music that does not entertain but confronts, that asks who you are when no one is applauding. Hans grew up in a multicolored household, where jazz albums leaned against film books and civil-rights leaflets. Two families shaped him: the Pfleiderers of Konstanz , whose Protestant order and artistic hunger lived side by side, and the Abernathys of Atlanta , whose walls once carried the echo of marches, hymns, and meetings that hoped to change what America meant. There was also Mick , his baby brother , the younger one. A quiet, brilliant scholar of history , who spent semesters as the only light-skinned student at Morehouse College . A place where memory is not an academic concern but a daily reckoning. Mick moved easily in and out of Juanita and Ralph Abernathy’s home. It was not simply a house; it was a threshold into a community that refused to forget who had paid the price for the country’s promises.