Leitmotiv Erinnerung sucht ein klares Bild der Zukunft

Hans Pfleiderer • 31. August 2020

Ein Sammelsurium an Eindrücken

Im September 2019 reiste ich zum ersten Mal nach Japan ins Land der aufgehenden Sonne. Anlass war meine Neugierde für Neues und meine Begeisterung als Architekt und Designer an fremden Kulturen. Ich verband meine Reise mit dem Besuch einer internationalen Konferenz von Museumsfachleuten in Kyoto. Als erfahrener Produktions- und Lichtdesigner wie auch Experte im Bereich Neue Medien suchte ich neue Kontakte und herausfordernde Projekte in der Museumswelt. Das Symposium fand unter dem Motto Museums as Cultural Hubs: The Future of Tradition im sagenumwobenen Kongresszentrum statt, in dem auf dem Weltklimagipfel 1997 das Kyoto-Protokoll zum Rahmenübereinkommen der Vereinten Nationen über Klimaschutz beschlossen wurde. Neben Vorträgen und Workshops wurde auch über ein wichtiges Instrumentarium diskutiert und abgestimmt: Die Museumsdefinition. Und da ging es heftig und unentschieden zur Sache, weil die Delegierten keinen Konsens finden konnten. Manche Dinge brauchen wohl Zeit. Alles in allem war es eine inspirierende Reise. Das Debakel konnte meine Begeisterung für Museen jedoch nicht trüben und ich intensivierte meine fortlaufenden Studien. Nachdem ich kürzlich den Artikel ICOM zwischen Definition und Mission - Im Wechselbad von Ist und Soll von Anette Rein in MUSEUM AKTUELL (Ausgabe 262 von 2020) gelesen hatte, erinnerte ich mich an Kyoto. Ich stimme mit Frau Reins Deutung einer fragwürdigen Sinnkrise in Kultureinrichtungen überein, die an Identiätskonflikten zu zerbrechen drohen. Es geht immerhin um die Erklärung, „warum Museen ein unerlässlicher Bestandteil unserer globalen Lebenswelt sind.“

Das 20. Jahrhundert hatte der Menschheit zwei Weltkriege und eine enorme Zerstörung hauptsächlich Europas und weltweit fast 80 Millionen Toter beschert. Im August 1945 läutete der Abwurf von 2 amerikanischen Atombomben über Hiroshima und Nagasaki eine neue Ära menschlicher Zerstörungskunst ein. Im anschließenden kalten Krieg produzierten die Machtblöcke in Ost und West genügend nukleare Waffen, um die gesamte Menschheit und all ihre kulturelle Schönheit um ein mehrfaches auszulöschen. Im Paris des Jahres 1946 wurden sowohl die UNESCO - United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization - als auch die weit weniger bekannte ICOM, das International Council of Museums, orts- und zeitgleich als Partnerorganisationen gegründet mit dem deutlichen Ziel, durch den Kultur- und Bildungsaufbau einer internationalen Museumsarbeit den Frieden zu nähren. Somit haben diese Institutionen durch ihr kulturpolitisches Programm und Engagement einen entscheidenden Beitrag zum Wiederaufbau der befreiten Welt zu leisten. Die Ausrichtung und Einflusssphären der ICOM und der UNESCO sind unterschiedlich, aber es kommt auch zu Schnittmengen. Die UNESCO hat ihren Fokus auf Denkmäler und immaterielles Kulturerbe, welches in manchen Museen auch zum Schwerpunkt gemacht wird (siehe Jüdisches Museum in Berlin). Ich möchte das am Beispiel der UNESCO Definition von Natur- und Kulturerbe laut Wikipedia verdeutlichen: „In der UNESCO verschreiben sich 193 Staaten dem Schutz und der Bewahrung von Zeugnissen vergangener Kulturen, künstlerischen Meisterwerken und einzigartigen Naturlandschaften. Die UNESCO listet im Jahr 2018 insgesamt 1.092 Welterbe-Stätten in 167 Ländern. Darunter fallen Kulturdenkmäler, Naturstätten sowie gemischte Stätten.“ Natur- und Kulturerbe sind alle Ideen, natürliche Sachen oder Erscheinungen, die als ästhetisch, historisch, wissenschaftlich oder geistig bedeutsam erachtet werden und sich vor Kommerzialisierung und Folklorisierung schützen müssen. Allerdings werden die Aufgaben beider Institutionen in ganz unterschiedlicher Weise verwaltet. Die UNESCO hat ca. 2800 Mitarbeiter, die geleitet von einen Exekutivrat in 5 Regionen weltweit mit den entsprechenden nationalen Ministerien über Fragen der Erziehung, Wissenschaft und Kultur in Verbindung stehen. Die Museenwelt besitzt eine gewachsene, weit verzweigte Infrastruktur von kommunalen oder regionalen Ausschüssen sowie nationale Verbände wie dem Deutschen Museumsbund, um ihrem Auftrag der Museumsarbeit gerecht zu werden. Die ICOM ist dabei als internationaler Museumsrat und Sprachrohr ein wichtiges Instrument der internen Verständigung ihrer Mitglieder untereinander und des Dialogs mit Politik, Bürgertum und Medien nach aussen. Sie vereint fast 45.000 Museumsfachleute in über 138 Ländern. Als professioneller Dachverband dieser Größenordnung verfügt sie über ein demokratisch gewähltes Führungsgremium, Statuten, strategische Ziele und Richtlinien wie den ICOM Code of Ethics. In Deutschland gibt es 15.000 Beschäftigte in Museen, etwa zwei Drittel davon mit einer relevanten akademischen Ausbildung. Auch geben die Fachverbände Hilfestellung in der Erarbeitung eines Museumskonzeptes, was traditionsbezogen, zeitgemäss und zukunftsgerecht sein sollte. Auch gibt es mittlerweile eine Fülle von empfohlenen Museumsgestaltern, die sich durch ihre besondere Expertise in der Entwicklung von kreativen Raumgestaltungen, innovativen Choreographien sowie Licht und Medien einbringen, um Kuratoren in ihrer Museumsarbeit zu unterstützen, das Besuchererlebnis aktiver, lebendiger und informeller zu machen.

Heutzutage sind Museen durch erwähnte Dachverbände und internationale Forschungsprojekte vernetzte Institutionen im Dienste der Gesellschaft, die auf eine lange Tradition zurückblicken können. Der Begriff Museum wurde schon in der hellenistischen Antike benutzt und entwickelte spätestens seit der Mitte des 18. Jahrhunderts mit der Gründung des British Museum seine heutige Bedeutung. In diesen Häusern erwartet man in der Regel Zeugnisse der Bildenden Kunst, Ethnologie und Archäologie wie Kunstgegenstände, Naturalien, technische und wissenschaftliche Objekte, sonstige Kostbarkeiten und Dokumente der Alltagskultur. Ein Museum erlaubt die Besonderheit der Auswahl, Erschließung und Präsentation unter exemplarischen und didaktischen Gesichtspunkten.

Laut dem Frankfurter zukunftsInstitut existieren 55000 Museen weltweit. Die Zahl hat sich in den letzten 20 Jahren nahezu verdoppelt. Die UNESCO spricht sogar von 95.000 Institutionen. Da nur ein Zwanzigstel der Weltbevölkerung in demokratischen Gesellschaften leben, sind folglich die politischen Verhältnisse in der gegenseitigen Verständigung und Abstimmung untereinander zu berücksichtigen. In Deutschland gibt es laut Museumsstatistik 2015 vom Institut für Museumsforschung 6710 Museen. Die Kosten werden jeweils zirka zur Hälfte von der öffentlichen Hand und privaten Trägern sowie Privatpersonen getragen. In der gleichen Statistik werden für das Jahr 2015 etwas über 114 Millionen Besucher in Deutschland angegeben, was einem Zuwachs von 11% seit 2005 bedeutet. Hinzu kommen Tausende von Ausstellungshäusern wie Kunsthallen, Städtische Galerien oder Präsentationsräumen von Künstlervereinigungen, die keine eigenen Sammlungen besitzen, aber wechselnde Ausstellungen musealen Charakters zeigen. Die allgemein bekannten Typen von Museen sind orts- und regionalgeschichtliche Volkskunde- und Heimatkundemuseen, Kunstmuseen, Schloss- und Burgmuseen, Naturkundliche Museen, Naturwissenschaftliche und technische Museen, historische und archäologische Museen und kulturgeschichtliche Spezialmuseen mit einer Reihe von neuen Ideen von Museumskonzepten, die durch eine anerkannte Museumsdefinition erfasst und legitimiert werden möchten.

Die ICOM Museumsdefinition von 2007 lautet:

„Ein Museum ist eine dauerhafte Einrichtung, die keinen Gewinn erzielen will, öffentlich zugänglich ist und im Dienste der Gesellschaft und deren Entwicklung steht. Sie erwirbt, bewahrt, beforscht, präsentiert und vermittelt das materielle und immaterielle Erbe der Menschheit und deren Umwelt zum Zwecke von Studien, der Bildung und des Genusses.“

Zum Zwecke der Überarbeitung oder Neufassung ihrer bisherigen Museumsdefinition gründete die ICOM im Jahre 2016 eine interne Arbeitsgruppe, the Committee on Museum Definition, Prospects and Potentials (MDPP) geleitet durch die Dänische Kuratorin und Museumsdirektorin Jette Sandhal, um die zeitgemässe Eignung eben dieser zu hinterfragen. Dem MDPP wurde die Aufgabe gestellt, „die gemeinsamen, aber auch die zutiefst unterschiedlichen Bedingungen, Werte und Praktiken von Museen in verschiedenen und sich schnell verändernden Gesellschaften“ zu untersuchen und sich über einen breiten Dialog „mit den zweideutigen und oft widersprüchlichen Trends in der Gesellschaft und den sich daraus ergebenden neuen Bedingungen, Verpflichtungen und Möglichkeiten für Museen“ zu befassen. Auf der außerordentlichen ICOM-Generalversammlung in Kyoto wurde am 7. September 2019 folgende Beschlussvorlage präsentiert, was für große Aufregung und vehemente Diskussionen sorgte und folgenreich mit dem Ausscheiden der ICOM-Präsidentin Suay Aksoy zu Veränderungen in den Rängen der Geschäftsführung des Verbandes führte (aus dem englischen mit Google Übersetzer):

„Museen sind demokratisierende, integrative und polyphone Räume für einen kritischen Dialog über Vergangenheit und Zukunft. Sie erkennen die Konflikte und Herausforderungen der Gegenwart an und gehen sie an. Sie verwahren Artefakte und Exemplare im Vertrauen für die Gesellschaft, bewahren vielfältige Erinnerungen für zukünftige Generationen und garantieren gleiche Rechte und gleichen Zugang zum Erbe für alle Menschen. Museen sind nicht gewinnorientiert. Sie sind partizipativ und transparent und arbeiten in aktiver Partnerschaft mit und für verschiedene Gemeinschaften, um das Verständnis der Welt zu sammeln, zu bewahren, zu erforschen, zu interpretieren, auszustellen und zu verbessern, um zur Menschenwürde und sozialen Gerechtigkeit, zur globalen Gleichheit und zum Wohl der Planeten beizutragen.“

Der Museologe und neue Vizepräsident von ICOM-Deutschland Prof. Dr. Dr. Markus Walz merkt an: „Eine (meist unausgesprochene) Erwartung an die Trennschärfe der Museumsdefinition betrifft den wachsenden, multiplen Wettbewerb, dem Museen ausgesetzt sind.“ 18,3% des gesamten Bundesdeutschen Kulturetats von jährlich 10,4 Milliarden Euro entfällt auf Museen, Sammlungen und Ausstellungen. Die häufigste Art der Museen in Deutschland sind mit 44% Volks- und Heimatkundemuseen, da ihre Objektbestände regional- und ortsrelevant sind. Die Publikumsfavoriten hingegen sind historische und archäologische Museen, besonders in Berlin. Die Diskussion oder Konfrontation über eine neue (erweiterte) Museumsdefinition hat sich aufs Glatteis begeben. Weil der Streit eskalierte, wurde dieser Vorschlag damals bis zur nächsten GV in 3 Jahren vertagt. Es ist auffallend, dass die ICOM in ihrem neuen pluralistischen Definitions- und Denkansatz für Museen humanitäre, umweltpolitische und planetare Aspekte aufgreift und die eigentliche Kernaufgabe und die Funktionalitäten der Museen damit entschieden unterminiert. Diese sind mit dem expliziten Sammeln, Bewahren, Forschen, Ausstellen, Vermitteln leicht nachzuvollziehen. Es klingt an dieser Stelle paradox und unverhohlen, «weniger ist mehr» zu empfehlen. Die Ausschmückung von Kernaufgaben in Form von gut gemeinten Begriffen und Ambitionen muß kritisch betrachtet werden, weil manche Begriffe innerhalb der Definitionen schon komplex genug sind, dass sie eigene Definitionen erfordern oder Anforderungen an und Konflikte für Stakeholder bedeuten, die aus totalitären Systemen stammend mit möglichen Repressalien ihrer staatlichen Behörden rechnen müssen. Das Wort Definition, aus dem lateinischen de·finitio, bedeutet Abgrenzung. Widerspricht das nicht dem votum, über Grenzen hinweg zu fungieren? In den letzten Jahrzehnten ist zu beobachten, dass in vielen Bereichen unserer Kultur eine Umwandlung der Aufgaben ausgelöst durch die Aneignung und Vereinnahmung von Begriffen und Schlagwörtern stattfindet, die zur politischen Korrektheit dazugehören. Es werden heute in unseren schwierigen Zeiten des Gesellschafts- und Wertewandels alle Bereiche der Kultur auf den Prüfstand gestellt. Die größten Herausforderungen sind Natur- und Umweltschutz sowie das Wohl der gesamten Menschheit, die unter disparaten politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen leben muss und kein Gleichgewicht durch würdige Lebensumstände und gegenseitige Toleranz zu finden scheint. Eine rasante Wissenschafts- und Technologieentwicklung hatte in verschiedenen gesellschaftlichen und industriellen Revolutionen in den letzten 250 Jahren zu einem bemerkenswerten, exponentiellen Bevölkerungswachstum und relativem Wohlstand geführt, aber Gesundheit, Gerechtigkeit oder anhaltenden Frieden bei Leibe nicht für alle geschaffen. Allein im Kampf gegen Polio und andere oft tödliche Krankheiten, die die Ärmsten der Welt hauptsächlich in Afrika in Schach hält, beschäftigt die private Bill & Melinda Gates Foundation in Seattle allein fast 1.500 Mitarbeiter und gibt Milliarden Dollar aus.

Niemand wird bestreiten, dass Menschen unterschiedlichster Herkunft und Kulturen ihre eigenen Traditionen pflegen, da sie seit Urzeiten Bedeutung und Identität als Mensch mit ihrer Gemeinschaft verbinden. Dazu gehören unverwechselbare Kulturleistungen wie Höhlenmalereien, Werkzeugen, Schmuck bis hin zu den ägyptischen Pyramiden oder der chinesischen Mauer als Ausdruck von Dauer und dem Wunsch nach hereditärem Fortbestand. Ein Eintreten für kulturelle Vielfalt fördert das Wohlergehen der Menschen. Soziale Entwicklung, Toleranz und Respekt vor der Würde des Menschen sowie vor den Traditionen und Kulturen und der Erhaltung der natürlichen Umwelt sind lobenswerte Initiativen. Es gibt heute so viele unterschiedliche Orte der Erinnerung wie Denkmäler, Archive oder religiöse Stätten mit historischer Ausstattung, die mit den Museen um die begehrten Etats, ihre Legitimation und Erinnerung kämpfen. Auch Globalisierung und Technologisierung ist eine wachsende Gefahr einzelner Ethnien und indigenen Kulturen, deren lebendige Bräuche, Traditionen und Geschichte durch die Zerstörung der Lebensräume und die Aufgabe ihrer Lebensweise in Vergessenheit zu geraten droht.

Mit COVID-19 Pandemie ist ein neuer Schrecken der Menschheit hinzugekommen, der nach monatelanger Schließung der Großzahl aller Museen weltweit dazu geführt hat, dass viele Häuser garnicht mehr öffnen können, weil die staatlichen Mittel, so jedenfalls in Deutschland, in Form von milliardenschweren Rettungspaketen und Krediten für die elementare Versorgung der Bevölkerung und die Wiederbelebungsversuche der Wirtschaft benötigt werden. Museen leben zudem von den Einnahmen der Besucher, die jetzt wegen dem Ausbleiben von Urlaubern durch Grenzschließungen und dem Erliegen des Flugverkehrs wegblieben. Das hat schlimmste Auswirkungen auf viele Kommunen. Die digitalen Angebote wie Internetseiten, virtuelle Touren und Webinare können nur ein schwacher Trost sein, aber einen Museumsbesuch nicht ersetzen. Neben Bildung stellen Museen ja Orte der Begegnung und sozialen Bindung dar. Auch hat laut dem UNESCO Report Museums Around the World - In the Face of COVID-19 vom Mai 2020 nur die Hälfte der Weltbevölkerung Zugang zum Internet und wirft durch diese technologische Disparität auch Besorgnis in Genderfragen und um fehlende Angebote für Kinder auf.

Genau deswegen brauchen wir diese Orte des aktiven, gesellschaftlichen Diskurses, öffentliche Treffpunkte, freie Orte der Diskussion und Erkenntnis zu den drängenden Fragen der Gegenwart und Zukunft. Die Museumsarbeit darf nicht auf Parameter wie Ästhetik, Didaktik und Wissenschaften beschränkt bleiben, sondern Interaktion und Intervention im Dienst der Allgemeinheit gleichermaßen befürworten. Ein Museum bleibt eine kulturschaffende, werteorientierte, durch die Gesellschaft getragene Institution und repräsentiert seine wohlwollenden Bürger im Hinsicht auf Herkunft, Demografie und sozialem Wandel. Diese öffentliche Begegungsstätte stellt zeitgemäße und attraktive Angebote an die Besucher basierend auf einem nachhaltigen, flexiblen Konzept und entwickelt kontinuierlich ihr Forschungsziel der Konservierung, Restauration und Kontextualisierung weiter. Innovative Techniken wie digitale Bestandsaufnahme und Datenformate sollen helfen, die Sammlungen zu pflegen und sich mit Partnern anderer Museen und wissenschaftlichen Institutionen zu gemeinsamen Projekten und im Austausch von Leihgaben, Kompetenzen und Ressourcen zu vernetzen, um engagiert und effizient das Kulturerbe der Menschheit zu bewahren und einen internationalen Rechtsrahmen im Bezug auf Provenienz und Eigentumsverhältnisse der Museumsbestände zu gewährleisten.


Literaturangaben:

  • MUSEUM AKTUELL Ausgabe 262 von 2020
  • UNESCO Konvention 1972 - Übereinkommen zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt
  • International Council of Museums (ICOM) - Internal Rules, 2017
  • Ethische Richtlinien von ICOM, 2010
  • Deutscher Museumsbund - Leitfaden zur Erstellung eines Museumskonzepts, 2011
  • Markus Walz, Die ICOM-Museumsdefinition für das 21. Jahrhundert - Ergebnisse der Online-Mitgliederbefragung von ICOM Deutschland zur ICOM-Museumsdefinition im Dezember 2019, ICOM, Februar 2020
  • Markus Walz, Der Kern der Kernaufgaben: das Mindestmaß der ICOM-Museumsdefinition als Selbstverständlichkeit, als Herausforderung, als Chance
  • ICOM Standing Committee on Museum Definition, Prospects and Potentials (MDPP), Report and Recommendations, 2018
  • Statistisches Bundesamt, Kulturstatistiken, Kulturindikatoren | kompakt, Ausgabe 2019
  • Statistisches Bundesamt, Bildung und Kultur, Spartenbericht Museen, Bibliotheken und Archive, 2017
  • FAZ, Weltverband der Museen - Man versteht sein eigenes Wort nicht mehr, Kommentar von Patrick Bahners, 02.07.2020

Schreibkram - paperwork

von Hans Pfleiderer 13. Februar 2026
Ein älterer Herr lebt in einem Haus, dessen Wände dünner sind als die Haut eines Kompromisses. Man hört alles: das Geschirr, das Geflüster, den Streit, der langsam in Verzweiflung übergeht. Manchmal hört man sogar, wie der Atem des Nachbarn stockt, wenn Wut in Müdigkeit kippt. Und irgendwann, unvermeidlich, kommt das Klopfen – ein Hämmern, hart, fordernd, wie eine spießbürgerliche Aufforderung zum Schweigen. An einem gewöhnlichen Abend räumt der ältere Herr gerade Einkäufe in den Kühlschrank, repariert ein tropfendes Rohr unter der Spüle. Plötzlich wummert der Mann von unten an die Tür, die Frau schreit im Hintergrund, er solle still sein, die Kinder würden schlafen. „Hallo, Sie!“, hallt es immer wieder durchs Treppenhaus – beschämend, fast wie eine öffentliche Rüge. Er steht da, mit einer Zange in der einen, einem Netz Orangen in der anderen Hand, und fragt sich, wie er in dieser kleinen Alltagsposse zum Bösewicht geworden ist. Er verriegelt die Innentür doppelt, setzt sich auf das Sofa. Unter dem Boden tobt der Nachbarkrieg weiter – dumpfes Brüllen, splitterndes Glas, die Kakophonie einer Zivilisation ohne Stammeszugehörigkeit. Kein Trommeln, keine Gesänge, kein gemeinsamer Puls – nur das Klirren vereinzelter Existenzen, jeder in seiner kleinen Festung des Ichs. Der ältere Herr kennt dieses Gefühl der diffusen Angst schon länger. Früher, in seiner Zeit als Angestellter eines Konzerns, lernte er eine andere Art von Einsamkeit kennen: die höflich maskierte, funktionale. Umgeben von kaltem Licht und kälteren Gesichtern erlebte er Kollegen, für die Misstrauen zur zweiten Haut geworden war. Kreativität galt als Provokation, Offenheit als Verrat. Zugehörigkeit bedeutete Macht, und wer sie nicht hatte, blieb draußen – freundlich ausgeschlossen. Die Hierarchie funktionierte wie eine Dienstgradordnung der Einsamkeit. Berlin, wo der ältere Herr viele Jahre lebte, ist für ihn ein Versuchslabor der Entfremdung. Mehr als die Hälfte aller Haushalte besteht aus einer einzelnen Person. Auf dem Land dagegen, wo man sich noch Salz leiht und weiß, wer letzten Winter gestorben ist, wirkt das Wort „allein“ wie ein Fremdkörper. In der Stadt ist es längst zur Lebensform geworden – ein Stil, kein Schicksal. Unabhängigkeit nennen wir es, das noble Etikett für ein Leben ohne Zeugen. Wenn er Bekannten von jener Nacht erzählt, in der der Nachbar gegen die Tür trommelte, zucken sie nur mit den Schultern. So sei Stadtleben eben, sagen sie – als wäre Entfremdung der Preis für schnelles WLAN und Lieferdienste. Doch der ältere Herr spürt, dass mehr dahintersteckt: eine Gesellschaft, die sich ihre Feinde selbst erfindet, weil ihr das Gemeinsame fehlt. Nähe wird mit Verbindung verwechselt, Lautstärke mit Bedeutung, Ego mit Identität. Für ihn ist das Ego zur Währung unserer Zeit geworden. Es verkauft sich in Klicks und Kommentaren, in Selfies und Signaturen. Der Nachbar, der wütend gegen die Tür schlägt, verteidigt vielleicht gar nicht die Nachtruhe seiner Kinder, sondern die fragile Illusion, dass er mehr zählt als ein anderer. In einer Welt der Vereinzelten ist Bedeutung das letzte Luxusgut. Soziale Medien, denkt der ältere Herr, sind das Labor des Egos. Jeder Skandal ein Ausbruch, jeder Like ein kleiner Sieg über die Unsichtbarkeit. Wir bilden Gruppen, die nicht durch Vertrauen verbunden sind, sondern durch geteilte Abneigung. So entsteht eine Zivilisation aus verletzten Ichs – laut, fragil, überzeugt von ihrer moralischen Überlegenheit und doch pathologisch allein. Aber das Ego ist kein Zuhause. Es ist eine provisorische Behausung auf dem eisglatten Grund der Angst. Je größer es wird, desto weniger Raum bleibt für uns selbst. Früher zwang Hunger die Menschen zusammen, heute trennt sie Bequemlichkeit. Fehlt das gemeinsame Ziel, erschaffen wir künstliche Konflikte – zwischen Nachbarn, Kollegen, Nationen. Ohne Sturm, denkt er, erfinden wir Sturm, machen Wind. Er erinnert sich an den Sommer in Island, an die kargen Ebenen und den Wind, der wie ein alter Gott durch die Lavafelder zog. Dort erwartete er Einsamkeit in der Landschaft – und fand sie in den Gesichtern. Auch in diesem Land der Mythen und Mitternachtssonne fühlten sich viele verloren. Der Bildschirm hatte das Feuer ersetzt, der Algorithmus den Rat des Stammes. Vielleicht, denkt der ältere Herr, ist Einsamkeit der Preis des Überflusses. In seiner Arbeit erlebt er täglich die neue Form der Distanz: Meetings statt Lagerfeuer, Mobilfunk statt Mythen. Tugenden, die einst über Leben entschieden – Empathie, Humor, Anpassungsfähigkeit – gelten nun als Störung. Er erinnert sich an eine junge Kollegin, die man ausgrenzte, weil sie zu viele Fragen stellte. Kein Roman, sondern ein Exil hinter vorgehaltener Hand. Die Städte Europas, sagt er, sind in rechten Winkeln gebaut – eine Geometrie der Trennung. Jede Wohnung wie ein Container, jede Straße ein Korridor aus Unbekannten. Zehn Jahre kann man dort wohnen, ohne den Namen über der eigenen Klingel zu kennen. In den Bergen Italiens oder den Westfjorden Islands dagegen diktiert das Gelände noch Solidarität. Kein Dach deckt sich allein, kein Sturm wird im Singular überstanden. Die Not zwingt zur Nähe, die Fülle erlaubt Distanz. Entfremdung, erkennt der ältere Herr, hinterlässt keine blutigen Spuren. Sie zeigt sich in Schlaflosigkeit, in Angst, in einer leisen Scham, überhaupt zu existieren. Psychologen nennen das erlernte Hilflosigkeit; er selbst nennt es die sanfte Folter der Moderne. Nach jener Nacht mit dem Klopfen fühlte er sich schuldig, ohne Schuld – als hätte sein bloßes Atmen eine Grenze überschritten. Er denkt an Menschen in Krisengebieten, die er auf Reisen gesehen hat – nichts besitzend, aber einander zugehörig. Gefahr löscht das Ego. Wenn Überleben nur gemeinsam gelingt, zählt niemand mehr die Likes. Paradox: Krieg kann menschlicher sein als Frieden. Deshalb lacht der ältere Herr einmal mehr über den Streit um das tropfende Rohr, über seine eigene Ratlosigkeit. Lachen, sagt er, ist die Rettung der Würde. Es verwandelt Ohnmacht in Geschichte, und Geschichten sind das, was uns verbindet, wenn sonst nichts bleibt. Doch unter dem Lachen liegt Zorn – Zorn darüber, dass Zugehörigkeit so achtlos verloren ging, dass Städte, Technologien, Institutionen für Effizienz gebaut sind, nicht für Empathie. Wir haben uns selbst optimiert, bis kein Platz mehr für Nähe blieb. Sogar die Sprache, bemerkt er, verrät uns: Privatsphäre klingt edel, bedeutet oft nur Isolation. Autonomie klingt stark, meint häufig Verlassenheit. Wir verwechseln Getrenntsein mit Freiheit. Und doch bleibt Hoffnung. Katastrophen erinnern uns an das, was wir vergessen haben. Wenn Wasser über die Ufer tritt oder Feuer Städte verschlingt, finden Menschen zueinander. Dann teilen sie Werkzeuge, Brot, Geschichten. Dann klingt das Wort „Nachbar“ wieder wie ein Versprechen. Warum also warten wir auf den Sturm? Warum nicht jetzt, mitten im Alltag, Stammesleben zurückholen – beim Grüßen, Helfen, Zuhören? Gemeinschaft ist kein nostalgisches Relikt, sondern eine Überlebensstrategie, die neu gelernt werden muss. Entfremdung ist kein Schicksal, sie ist menschengemacht – also umkehrbar. Doch sie verlangt Mut zur Bedürftigkeit, den Mut, sich selbst nicht genug zu sein. Bedeutung entsteht nicht im Monolog, sondern im Zwischenraum, dort, wo zwei Menschen sich berühren. Wenn der ältere Herr an jene Nacht denkt – das Klopfen, das Schreien –, sieht er keine Feinde mehr. Nur zwei Menschen, beide überfordert von der eigenen Bedeutungslosigkeit, beide kämpfend um dasselbe: gesehen zu werden. Vielleicht, denkt er, sind alle Ego-Ausbrüche dieser Welt nichts anderes als unfreiwillige Lebenserklärungen – verzweifelte Beweise, dass wir existieren. Am Ende bleibt für ihn eine Erkenntnis, so schlicht wie schwer: Zugehörigkeit ist keine Bequemlichkeit, sondern Notwendigkeit. Die Zivilisation hat uns das Alleinsein beigebracht – aber nur im Stamm lernen wir, wie man lebt. Grafik: HPEntertainment © 2026
von Hans Pfleiderer 7. Februar 2026
Davos im Januar. Blauer Himmel, ungewöhnlich mild. Der Schnee auf den Hängen stammt nicht vom Himmel, sondern aus Kanonen, die nachts arbeiten. Am Tag hält die Oberfläche – noch. Die Pisten sind präpariert, die Abläufe eingespielt, die Illusion von Verlässlichkeit ist perfekt. Eine Woche zuvor war hier die Welt zu Gast. Staats- und Regierungschefs, Konzernlenker, Investoren. Das Weltwirtschaftsforum ist gerade zu Ende gegangen. Jetzt fahren wieder Skifahrer. Die Kulisse ist dieselbe, nur die Sprache hat gewechselt. Auf dem Sessellift treffe ich, Dipl. Ing. Hans Pfleiderer , Schweizkenner, auf Frank aus New York . Harvard Alumni, arbeitet an der Wall Street, gelegentlich in Washington, D.C., sagt er. Er nennt mir seinen vollständigen Namen. Er habe das Forum besucht und ein paar Tage angehängt; seine Teenager-Tochter sei nachgereist, zum Skifahren. Finanzmärkte. Politik. Er spricht ruhig, mit jener Selbstverständlichkeit, die Menschen entwickeln, die gewohnt sind, dass ihre Einschätzungen Folgen haben. Ich: Sie sind also geblieben. Frank: Ja. Das Forum ist anstrengend. Danach braucht man Distanz. Außerdem wollte meine Tochter Schnee sehen. Echten Schnee. (er lächelt kurz) Man nimmt, was man bekommt. Der Lift gewinnt an Höhe. Unter uns liegen die Hänge wie sauber gezogene Diagramme. Ich: In Europa wird derzeit viel über Neutralität gesprochen. Über ihre Grenzen, ihre Zumutungen. Auch hier oben. Und es gibt Landsleute, die hinter vorgehaltener Hand munkeln, ob es nicht konsequent wäre, Sanktionen gegen die Schweiz zu erwägen – wenn sie sich bei Rüstungslieferungen an die Ukraine zurückhält und beim Einfrieren russischer Vermögenswerte zögert. Frank: Radikal gedacht. Aber ohne reale Chance. 
(Pause.) Sie sind doch Deutscher? Ich: (mit einem leichten Schmunzeln) Ich komme aus Konstanz. Das liegt an der Schweizer Grenze. Wir gehören gewissermaßen dazu. Frank: Das erklärt den Ton. In Europa denkt man in Konsequenzen, bei uns denkt man in Wirkungen. Sanktionen sind kein moralisches Urteil, sondern ein Instrument. Und Instrumente setzt man nur ein, wenn sie greifen. Ich: Sie sprechen von Neutralität, als wäre sie eine Funktion. Frank: Das ist sie auch. Optionalität. Ein System, das sich nicht festlegt, maximiert seine Anschlussfähigkeit. Für Märkte ist das kein moralisches Problem, sondern ein Vorteil. Ich: Also kein Prinzip? Frank: Nicht in erster Linie. Neutralität ist ein Governance-Modell. Sie reduziert Risiken, indem sie Entscheidungen verzögert oder vermeidet. Der Lift passiert eine Stütze, das Seil summt kurz lauter. Ich: Und die Geschichte? Wilhelm Tell. Die Reformatoren. Der innere Konflikt, aus dem die Schweiz entstanden ist. Frank: Geschichte ist das Narrativ, mit dem Systeme ihre Gegenwart legitimieren. Märkte interessieren sich nicht für Narrative, sondern für Stabilität. Die Schweiz liefert beides: ein überzeugendes Narrativ und funktionierende Stabilität. Ich: Und die Kritik? Die Frage, ob diese Stabilität auf Kosten anderer geht? Frank: Das ist eine europäische Frage. Sie denken in Verantwortungskategorien. Wir denken in Exponierungen. Die Schweiz ist in vielen Systemen exponiert – Finanzmärkte, Rohstoffhandel, Pharma –, aber sie verteilt das Risiko so, dass es selten sichtbar wird. Ich: Sie beschreiben Neutralität als Technik. Frank: Ja. Als Technik der Entkopplung. Politische Konflikte werden nicht gelöst, sondern umgangen. Das schafft Vertrauen. Vertrauen ist die wichtigste Währung. Ich: Und Moral? Frank: Moral ist ein diskursives Instrument. Sie wirkt dort, wo Systeme instabil sind. In stabilen Systemen wird Moral verwaltet. Wir nähern uns der Bergstation. Der Blick öffnet sich, das Tal liegt ruhig, beinahe unschuldig unter uns. Ich: Sie würden also sagen, die Schweiz ist kein Sonderfall, sondern ein besonders gelungenes Modell? Frank: Ein Modell mit hoher Effizienz. Aber jedes Modell hat Nebenwirkungen. Ich: Welche? Frank: Wenn Entscheidungen zu lange vermieden werden, verlernen Systeme, sie zu treffen. Neutralität schützt vor kurzfristigen Konflikten, erzeugt aber langfristig Abhängigkeit von ihrer eigenen Funktionstüchtigkeit. Ich: Ein Risiko. Frank: Ein kalkuliertes. Der Lift hält. Menschen steigen aus, ordnen ihre Skier, schieben sich in Richtung Abfahrt. Frank zieht die Handschuhe an. Ich: Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Spannung: zwischen historischer Selbstbeschreibung und technischer Realität. Frank: Oder zwischen Haltung und Verfahren. Er fährt los, kontrolliert, ohne Hast. Später im Hotel läuft der Fernseher. Ein Wirtschaftssender, leise. Es ist die Rede von Stabilität, von Märkten, die empfindlich reagieren könnten, von der Bedeutung verlässlicher Ordnungen in unsicheren Zeiten. Begriffe wie Vertrauen und Systemrelevanz fallen häufig. Niemand wird laut. Draußen beginnen die Schneekanonen wieder zu arbeiten. Neutralität erscheint in dieser Perspektive nicht als Haltung, sondern als Technik. Sie erzeugt Vertrauen, indem sie Entscheidungen vermeidet – und genau darin liegt ihre Stärke wie ihr Risiko. Grafik: HP Entertainment © 2026
von Hans Pfleiderer 6. Februar 2026
Davos im Januar. Blauer Himmel, ungewöhnlich mild. Der Schnee auf den Hängen stammt nicht vom Himmel, sondern aus Kanonen, die nachts arbeiten. Am Tag hält die Oberfläche – noch. Eine Woche zuvor war hier die Welt zu Gast: Staats- und Regierungschefs, Konzernlenker, Investoren. Jetzt fahren wieder Skifahrer. Die Kulisse ist dieselbe, nur die Sprache hat gewechselt. Auf dem beheizten Sessellift telefoniere ich, Dipl. Ing. Hans Pfleiderer, mit einem Freund, Dr. Rüdiger von W. , Wirtschaftsexperte und Buchautor. Ich: Mir fällt auf, wie schnell hier eine gewisse Abwehr entsteht, sobald Deutschland oder die Europäische Union ins Spiel kommen. Eine Deutschfeindlichkeit, halb ironisch, halb ernst. Und immer wieder der Vorwurf, Berlin wolle der Schweiz Sanktionen aufzwingen – gegen Russland, gegen Oligarchen, gegen alte Geschäftsmodelle. von W.: Sanktionen werden selten sachlich diskutiert. Sie berühren immer Identität. Ich: Aber ist diese Empfindlichkeit nicht bemerkenswert? Die Schweiz beruft sich auf Neutralität, während sie gleichzeitig einer der wichtigsten Finanzplätze für internationales Kapital war – auch für Vermögen aus autoritären Systemen. Das war jahrzehntelang kein Geheimnis. von W.: Nein. Und es war politisch gedeckt. Man erinnere sich an die Debatten um nachrichtenlose Vermögen, um das Bankgeheimnis, um die schrittweise Anpassung an internationale Standards – immer erst unter massivem externem Druck. Ich: Genau das meine ich. Wenn Sanktionen heute als moralisches Instrument gelten – warum stellt niemand die Frage, ob nicht auch die Schweiz Teil eines Problems war, das man nun zu lösen vorgibt? von W.: Weil Sanktionen kein Instrument moralischer Selbstprüfung sind, sondern der Macht. Und die Schweiz ist wirtschaftlich kein Außenseiter. Sie ist integraler Bestandteil europäischer Wertschöpfung: Finanzdienstleistungen, Pharma, Rohstoffhandel, Versicherungen. Sanktionen würden Rückwirkungen erzeugen, die politisch kaum kontrollierbar wären. Ich: Also ein strukturelles Tabu? von W.: Ein systemisches. Die Schweiz ist zu klein, um Gegner zu sein – und zu wichtig, um sie wie einen zu behandeln. Der Lift schiebt sich weiter nach oben. Unter uns ein Hang, dessen Schnee im Sonnenlicht fast blendet. Ich: Dabei ist Neutralität historisch keineswegs so unangefochten, wie sie heute dargestellt wird. Man beruft sich gern auf Wilhelm Tell, auf Freiheit, auf Widerstand. Oder auf die Reformatoren – Huldrych Zwingli etwa –, die gezeigt haben, dass Konflikt Teil der eigenen Geschichte ist. von W.: Neutralität war nie Passivität. Sie war immer das Ergebnis innerer Auseinandersetzung. Und ökonomisch gesehen oft ein Vorteil. Ich: Und heute? Was sagen eigentlich die Amerikaner dazu? Wie blickt Washington auf diese Neutralität? von W.: Ambivalent. Unter Donald Trump war die EU der erklärte Gegner, multilaterale Ordnung ein Feindbild. Die Schweiz passte da erstaunlich gut ins Bild: souverän, nicht gebunden, wirtschaftlich effizient. Aber das war weniger Sympathie als Zweckgemeinschaft. Ich: Also Neutralität als Geschäftsmodell? von W.: Zumindest als Standortvorteil. Doch genau hier entsteht der moralische Riss. Wenn Neutralität bedeutet, keine Waffen zu liefern, aber Kapitalströme aus Kriegs- und Unrechtskontexten zu ermöglichen, dann ist sie selektiv. Funktional. Und schwer zu verteidigen, sobald sie öffentlich thematisiert wird. Ich: Dann wären Sanktionen politisch unsinnig – aber moralisch nicht absurd. von W.: So könnte man es formulieren. Sanktionen gegen die Schweiz würden das System destabilisieren. Aber das System selbst gerät unter Rechtfertigungsdruck, je offensichtlicher diese Widersprüche werden. Der Lift hält an. Davos liegt ruhig im Tal, geschniegelt, fast unschuldig. Ich: Vielleicht ist das das eigentliche Problem: nicht, dass man die Schweiz sanktioniert – sondern dass man sich daran gewöhnt hat, bestimmte Fragen gar nicht mehr zu stellen. von W.: Und dass man Stabilität mit Unschuld verwechselt. Später im Hotel läuft der Fernseher. Ein Wirtschaftssender, leise.
Von Stabilität ist die Rede. Von Märkten, die nervös reagieren könnten. Von der besonderen Rolle der Schweiz als Vermittlerin. Ein Analyst spricht von „Vertrauen“, ein anderer von „Systemrelevanz“. Ein amerikanischer Kommentator erwähnt, dass multilaterale Institutionen an Bedeutung verlieren. Nationale Interessen seien zurück. Europa müsse sich neu sortieren. Die Schweiz komme in diesem Szenario gut zurecht. Die Sprache bleibt ruhig, technisch, unaufgeregt. Es geht um Funktionsfähigkeit, um Berechenbarkeit, um das Vermeiden von Irritationen. Was hier als Vernunft erscheint, ist in Wahrheit die Verwaltung eines Gleichgewichts, das nur so lange hält, wie man bestimmte Fragen nicht stellt.
von Hans Pfleiderer 31. Januar 2026
Was hier sichtbar wird, ist weniger ein individuelles Kuriosum als ein durchgängiges Restriktionsmuster : Verzicht nicht nur auf Essen, sondern auf Geld, Besitz, Nähe, Sprache – auf alles, was Lust, Fülle oder Ambivalenz erzeugen könnte. „Anorexie“ fungiert dabei weniger als medizinische Diagnose denn als psychologisches Organisationsprinzip : Ich halte zurück, also bin ich sicher. Der Ursprung: Scham, Vergleich, Mangel Wer in bescheidenen Verhältnissen aufwächst, lernt früh zwei Lektionen. Erstens: Vergleich tut weh – die falschen Sneakers, die falschen Marken, die falschen Selbstverständlichkeiten. Zweitens: Wollen ist riskant , weil es Abhängigkeit erzeugt von Dingen, die man nicht kontrollieren kann. Aus dieser Mischung entsteht eine innere Logik: Wenn ich weniger brauche, kann ich nicht beschämt werden. Verzicht wird Selbstschutz, Sparsamkeit Identität. Scham hat die Eigenschaft, sich dort festzusetzen, wo Kontrolle maximal ist. Beim Körper. Beim Essen. Beim Ausgeben. Bei Bindung. So verschiebt sich das Problem von äußeren Umständen ins Innere – und wird handhabbar. Kontrolle statt Genuss Anorexie zeigt in ihrer klinischen Extremform, wie Kontrolle kurzfristig Sicherheit verspricht und langfristig zerstört. Psychologisch relevant ist weniger das Körpergewicht als das Prinzip: Restriktion beruhigt Angst. Wer gelernt hat, sich über Weniger zu stabilisieren, wendet diese Logik konsequent an. Vegetarismus oder Veganismus können – unabhängig von ihrer ethischen Legitimität – in diesem Kontext zur sozial akzeptierten Restriktionsform werden. Der entscheidende Punkt ist nicht was gegessen wird, sondern wozu die Regel dient: als Ausdruck von Werten – oder als Werkzeug der Selbstkontrolle. Restriktion als Moral: Geld, Nähe, Sprache In „Mein Wohlstand widert mich an“ wird Geld nicht nur kritisiert, sondern moralisch kontaminiert . Ausgeben erscheint nicht als neutraler Akt, sondern als Verdachtsmoment: Wer konsumiert, beteiligt sich. Wer besitzt, profitiert ungerecht. Diese Haltung ist politisch anschlussfähig – sie kippt jedoch dort ins Psychologische, wo jede Form von Erlaubnis unter Generalverdacht steht. Diese Verschiebung wird explizit, wenn Anna Mayr schreibt: „Geld macht uns undankbar.“ ¹ Der Satz funktioniert weniger als empirische Beschreibung denn als moralisches Axiom. Besitz selbst wird zum Risiko für den Charakter. Undankbarkeit erscheint nicht als soziale Haltung, sondern als zwangsläufige Folge von Wohlstand. Damit verschiebt sich der Fokus von der Strukturfrage zur Selbstdisziplin: Wer gut sein will, muss verzichten. Auffällig ist, dass diese Reduktion nicht beim Geld endet. Der Lebenspartner erscheint nur als „M.“ – niedlich vielleicht, aber auch reduktionistisch . Nähe wird abgekürzt, chiffriert, kontrolliert. Wie Geld wird auch Intimität dosiert , nicht verschenkt. So entsteht eine ästhetische Askese: wenig Besitz, wenig Sprache, wenig Konkretion. Integer – und zugleich hermetisch. Das letzte Kapitel: Von Kritik zu Verachtung Im Schlusskapitel vollzieht sich eine bemerkenswerte Verschiebung. Der Blick richtet sich nicht mehr primär auf Strukturen, Reichtum oder Ungleichheit, sondern auf die Autorin selbst – und auf die Leser. Genau hier verändert sich der Ton. Nicht laut. Nicht polemisch. Sondern kühl. Ehrlichkeit als Überlegenheit Wenn die Autorin schreibt, es sei befriedigender, sich als Opfer zu erzählen als als „Täterin“, und sich selbst als „hochnäsig, ignorant, egomanisch“ beschreibt, wirkt das zunächst wie radikale Selbstkritik. Tatsächlich markiert es etwas anderes: moralische Überlegenheit durch Entlarvung . Die unausgesprochene Botschaft lautet: Ich habe meine Niedertracht erkannt – ihr vermutlich nicht. Diese Selbstanklage ist kein Akt der Demut, sondern der Immunisierung. Wer sich selbst schonungslos offenlegt, entzieht sich der Kritik von außen. Es entsteht eine asymmetrische Beziehung : Autorin oben, Leser unten. Der Leser als moralisch bequemes Wesen Deutlich wird das dort, wo Sachbücher mit Forderungen als erleichternd beschrieben werden, weil Leser sich innerlich anschließen könnten, „obwohl sie eigentlich nichts Konkretes tun“. Das ist kein neutraler Befund, sondern ein Urteil. Der Leser erscheint als jemand, der – moralische Erregung konsumiert – Hoffnung simuliert – Verantwortung delegiert Kurz: als moralisch faul . Dass die Autorin selbst keine Forderungen stellt, wird nicht als Offenheit inszeniert, sondern als Verweigerung von Trost . „Ich werde Sie zurücklassen ohne Ausweg“ ist kein solidarischer Satz, sondern ein Machtgestus. „Und deshalb will dieses Buch nichts.“ Dieser Satz behauptet Radikalität – und entzieht sich zugleich jeder Verantwortung. Die Welt ist schlecht. Die Leser sind Teil des Problems. Lösungen sind Illusionen. Hoffnung ist Selbstbetrug. Was bleibt, ist Affekt: Entnervtheit, Missgunst, Wut, Langeweile. Das ist kein offenes Angebot, sondern eine Zumutung , fast eine Strafe: Fühlen Sie sich schlecht. Mehr steht Ihnen nicht zu. „Ich will jetzt zum Strand.“ Der letzte Satz ist literarisch brillant – und inhaltlich brutal. Nach hunderten Seiten moralischer Anklage und Selbstentblößung entzieht sich die Autorin buchstäblich. Sie geht in die Sonne. In den Genuss. Der Leser bleibt zurück – ohne Ausweg, ohne Handlung, ohne Katharsis. Nicht weil sie genießt, entsteht der Eindruck von Verachtung. Sondern weil sie genießt, nachdem sie erklärt hat, dass Genuss moralisch kontaminiert ist – und ihn den Lesern zugleich nicht zugesteht. Einordnung Das Buch kritisiert Wohlstand. Es praktiziert zugleich symbolischen Wohlstand : moralische Überlegenheit, Deutungshoheit, Distanz. Es verweigert Lösungen nicht aus Bescheidenheit, sondern aus Misstrauen gegenüber dem Leser . Der Leser ist nicht Partner im Denken, sondern Adressat einer Zumutung. Schluss Das beschriebene Muster ist keine Heuchelei, sondern eine konsequente Lebensethik – mit hohem Preis. Sie schützt vor Schuld, aber auch vor Fülle. Sie schafft Klarheit, aber verhindert Nähe. Oder zugespitzt: Nicht der Wohlstand widert an – sondern die Vorstellung, ihn ohne Askese auszuhalten. Vom Verzicht bis zum zwanghaften Festhalten gilt dieselbe Logik: Hauptsache, es tut weh. ¹ Anna Mayr, Mein Wohlstand widert mich an. Eine persönliche Abrechnung, Kapitel „30 Euro für den hässlichsten Weihnachtsbaum, den wir je hatten“, S. 134. Quelle: Anna Mayr, Mein Wohlstand kotzt mich an - Eine Persönliche Abrechnung, Taschenbuch, Heyne Verlag, München, 2024, ISBN: 978-3-453-60693-7 Grafik: HP Entertainment © 2026
von Hans Pfleiderer 24. Januar 2026
„Drohung zerstört Gegner. Weigerung zerstört Systeme.“ Politik beanspruchte lange Zeit das gesamte Farbspektrum unserer Welt. Sie lebte – zumindest dem Anspruch nach – von Nuancen, Abwägungen, Kompromissen, von der Kunst des Übergangs. Gegenwärtig jedoch schrumpft sie zusehends auf Schwarz und Weiß. Nicht im moralischen Sinn klarer Alternativen, sondern als psychologisches Extrem: Sieg oder Niederlage, Unterwerfung oder Bestrafung, Zustimmung oder Blockade. Diese Verengung beginnt nicht mit Sprache, sondern mit Handlungen. Der Krieg in der Ukraine ist längst mehr als ein territorialer Konflikt. Er ist eine fortgesetzte Machtdemonstration im Zentrum Europas. Raketen, Drohnen, zerstörte Infrastruktur, zivile Opfer – all dies sind nicht nur militärische Fakten, sondern politische Botschaften. Verhandlungen mögen stattfinden, doch stets im Schatten der Gewalt des starken Mannes. Krieg ist nicht länger das Scheitern der Diplomatie, sondern ihr begleitendes Signal. Ähnlich verhält es sich im Jemen, wo Gewalt seit Jahren normalisiert ist. Blockaden, Stellvertreterkriege und humanitäre Katastrophen sind dort zum dauerhaften Instrument regionaler Machtpolitik geworden. Der Krieg endet nicht, weil er nicht enden soll. Er stabilisiert Hierarchien und demonstriert Durchhaltevermögen. Besonders deutlich wird diese Logik auch in der militärischen Aggression der USA gegenüber Venezuela. Unabhängig von juristischen Rechtfertigungen handelt es sich um eine imperiale Machtdemonstration. Die eigentliche Botschaft richtet sich nicht an Caracas, sondern an die Weltgemeinschaft: Seht, was wir können. Seht, wie weit wir gehen. Macht wird nicht mehr ausgehandelt, sondern vorgeführt. Diese Entwicklung ist kein Zufall. Auf dem World Economic Forum in Davos wurde von einer Rückkehr zur „Great Power Politics“ gesprochen – einer Weltordnung, die wieder von Machtprojektion, Abschreckung und militärischer Stärke geprägt ist. Der berühmte Schlag auf den Tisch ist zurückgekehrt als legitime politische Geste. Drohungen gelten heute als legitimes Machtinstrument. Rhetorisch als „Abschreckung“ oder „rote Linien“ verbrämt, sind sie funktional nichts anderes als Erpressung: Füge dich – oder trage Konsequenzen jenseits der Sache selbst. Psychologisch wirkt die Drohung wie Aggression: Sie verengt Zeit und Optionen und verschiebt Entscheidungen von Abwägung zu Angst. Ihre Botschaft ist stets dieselbe: Autonomie ist widerruflich. Aktuelle Drohgebärden aus dem Iran, insbesondere die Vergeltungsankündigungen der religiösen Führung, fügen sich nahtlos in dieses Muster. Es geht weniger um Taten als um psychologische Raumgestaltung: Kosten steigen, Risiken kippen, Optionen schrumpfen. Drohung wird zur Diplomatie ohne Verhandlungsspielraum. Historisch betrachtet sind Drohung und Weigerung keine neuen politischen Techniken, sondern klassische Machtinstrumente mit klar unterscheidbaren Traditionen. Die Drohung wurde von Herrschern wie Dschingis Khan in ihrer effizientesten Form eingesetzt: selten, glaubwürdig und endgültig – wirksam nicht durch Eskalation, sondern durch ihre Verlässlichkeit. Machiavelli hat diese Logik theoretisch gefasst, indem er Angst als stabileres politisches Fundament beschrieb als Zuneigung – vorausgesetzt, sie bleibt kalkulierbar. Die Weigerung folgt einer anderen Logik: Sie sichert Macht nicht durch Expansion, sondern durch Stillstand. Figuren wie Metternich oder Franco regierten weniger durch Gestaltung als durch systematische Verzögerung. Verweigerung wirkt unspektakulär, aber nachhaltig – sie konserviert Macht durch Zeit. Adolf Hitler nimmt in dieser Typologie eine Sonderstellung ein. Er war kein Meister der kalkulierten Drohung, sondern ihr Extremfall. Drohung wurde bei ihm zum Dauerzustand, Eskalation zum Selbstzweck. Damit verlor sie ihre steuernde Funktion: Politik ging vollständig in Gewalt auf. Wo Drohung total wird, hört sie auf, Instrument zu sein – und hinterlässt nur Zerstörung. Neu ist die heutige Kombination dieser Techniken – und ihre Popularität vor allem als Stil. Der Erfolg dieser Strategie liegt weniger in ihrer Brutalität als in ihrer ästhetischen Einfachheit. Drohungen sind verständlich, medientauglich, performativ. In einer auf Aufmerksamkeit und Empörung getrimmten Öffentlichkeit sind sie wirksamer als jede Erklärung. Parallel dazu etabliert sich ein zweites Instrument: die Weigerung. Sie gibt sich als Prinzipientreue oder Souveränität, ist psychologisch jedoch regressiv. Die heutige Weigerung ist kategorisch, absolut, demonstrativ unproduktiv. Sie ist nicht das begründete Nein demokratischer Opposition, sondern das kindliche Nein der Blockade: Ich mache nicht mit – und schulde keine Erklärung . Diese Haltung speist sich aus einem spezifischen sozialen Habitus, der häufig – verkürzt – als der des „alten weißen Mannes“ beschrieben wird. Gemeint ist weniger ein biologisches Alter als eine Weltanschauung: geprägt von nicht hinterfragter Zentralität, privilegierter Selbstverständlichkeit, konservativer Besitzstandswahrung und dickbäuchigem Widerstand gegen gesellschaftlichen Wandel. Kompromiss erscheint hier nicht als demokratische Leistung, sondern als Statusverlust. Institutionalisierte Weigerung, etwa in Form systematischer Vetos und Blockaden, dient nicht der Positionierung, sondern der Lähmung. Das politische System soll scheitern, um die eigene Souveränität zu dramatisieren. Besonders deutlich wird dies dort, wo formale Loyalität mit faktischer Sabotage einhergeht. In manchen Fällen geht diese Weigerung über strukturelle Blockade hinaus und wird personalisiert. Politische Konflikte werden nicht mehr als Systemfragen verhandelt, sondern als Duelle zwischen Figuren. Gegner werden zu Gesichtern, Differenzen zu moralischen Absoluten. Politik verwandelt sich in eine Bühne persönlicher Fehde. Drohung und Weigerung gedeihen im Schwarz-Weiß-Denken, weil es psychologisch ökonomisch ist. Es reduziert Komplexität, entlastet von Verantwortung und stabilisiert Identität. Wer droht, muss nicht überzeugen. Wer sich verweigert, muss nicht teilnehmen. Diese Verrohung hat auch eine visuelle Entsprechung. Die politische Ästhetik schrumpft auf eine rohe Farbpalette. Blau – Ordnung, Kälte, Ausschluss. Rot – Disziplin, Opfer, historische Unausweichlichkeit. Oft kombiniert: dunkle Anzüge, rote Krawatten, choreographierte Flaggen auf Konferenztischen, im Schnee von Davos oder im Saal der Vereinten Nationen. Die Welt wird nicht mehr in Abstufungen gedacht, sondern in Primärfarben inszeniert. Was einst Bedeutung vermittelte, signalisiert nun Zugehörigkeit. Der tiefste Schaden, den Drohung und Weigerung anrichten, liegt nicht in einzelnen Entscheidungen, sondern in der Zerstörung der Fähigkeit zum Gelingen. Wo Drohung dominiert, verlieren Entscheidungen ihre Legitimität. Wo Weigerung dominiert, werden Entscheidungen unmöglich. Die Funktionsunfähigkeit des Systems ist kein Unfall, sondern Ziel. Drohung und Weigerung sind en vogue, weil sie Macht effizient inszenieren. Sie ersetzen Politik durch Pose. Sie versprechen Klarheit, wo eigentlich Aushandlung nötig wäre, und Stärke, wo Verantwortung gefragt ist. Wo Drohung normal wird, verkrampft Politik. Wo Weigerung zur Methode wird, erstarrt sie. In der personalisierten Politik dieses Jahrzehnts ist der Gegner weniger ein System als ein Gesicht, weniger ein Interesse als ein Name. Gemeint sind die Stars dieses politischen Zirkus: der einzigartige blonde Superstar Big D , die tektonischen Schwergewichte Mr. X und Mr. W , die unübersehbaren Dauergäste Mr. V und Little B – und das seltene, fast liturgische Erscheinen von His Holiness A .
von Hans Pfleiderer 17. Januar 2026
Der weltweite Aufstieg des Rechtspopulismus ist kein Betriebsunfall der Geschichte, sondern ihr Symptom. Susanne Schröter beschreibt ihn in einem Kommentar unter dem Titel „Die AfD profitiert weiter vom Versagen der Politik“ in der Neue Züricher Zeitung am 15. Januar 2026 für Deutschland als Resultat einer wachsenden Repräsentationslücke: Parteien der Mitte entfremden ihre Wähler, delegitimieren Kritik, moralisieren Konflikte und wundern sich anschließend über den Zulauf zu jenen Kräften, die diese Lücke füllen. Was in Deutschland blau eingefärbt erscheint, ist international Teil eines breiteren Spektrums: rotbraun, schwarz, nationalistisch getönt – ein globaler Rückfall in autoritäre Verheißungen. Historisch ist das kein Ausnahmezustand. Neu ist nur die Verpackung. Gesellschaften, die sich überfordert fühlen, neigen zur Vereinfachung. In der Antike traten Tyrannen als „Volksfreunde“ gegen dekadente Eliten auf. In der frühen Neuzeit stabilisierten Monarchien ihre Macht durch göttliche Ordnung. Im 20. Jahrhundert legitimierten sich Diktaturen durch Notstand, Nation oder Ideologie. Autokraten erscheinen nie im luftleeren Raum. Sie wachsen dort, wo das bestehende System als komplex, kalt oder wirkungslos erlebt wird. Demokratie ist anstrengend. Sie verlangt Geduld, Ambivalenztoleranz und die Fähigkeit, Konflikte auszuhalten, ohne sie moralisch zu beenden. Autoritäre Modelle versprechen Entlastung: klare Linien, klare Feinde, klare Farben. Heute heißt diese Farbe häufig Blau. Wenn „Blau“ nicht mehr als politische Position gelesen wird, sondern als Schadstoff, verschiebt sich das gesamte Spielfeld. Dann geht es nicht mehr um Interessen, Zielkonflikte oder Lösungen, sondern um Reinheit. Wer blau denkt, spricht oder wählt, gilt nicht als Gegner, sondern als kontaminiert. Und Kontaminierten hört man nicht zu – man isoliert sie. Genau hier setzt der paradoxe Mechanismus moderner Demokratien ein: Ausgrenzung erzeugt Verdichtung. Soziologisch ist das trivial. Wo Widerspruch sanktioniert wird, zieht er sich zurück, organisiert sich in geschlossenen Räumen und radikalisiert sich. Politische Bewegungen entstehen nicht im Licht öffentlicher Zustimmung, sondern im Schatten moralischer Ächtung. Je enger die Bannzonen, desto homogener die Gegenöffentlichkeiten. Das Blau wird dunkler, nicht heller. Politisch ist das fatal. Jede öffentlich zelebrierte Empörung – jedes „Kein Platz für…“, jede moralische Bannmeile – ersetzt Auseinandersetzung durch Abwehr. Das stabilisiert das eigene Milieu, löst aber kein einziges Problem realer Lebenswelten: Sicherheit, Einkommen, Wohnraum, Zugehörigkeit, Kontrolle. Politik wird zur Haltungspflege, während die Alltagserfahrung der Bürger unadressiert bleibt. Ein Blick auf Zahlen unterstreicht das. In nahezu allen westlichen Demokratien liegt das Vertrauen in Parteien und Parlamente inzwischen unter 30 Prozent. In Deutschland geben regelmäßig über zwei Drittel der Befragten an, „von der Politik nicht gehört“ zu werden. Gleichzeitig steigen die Zustimmungswerte zu Parteien, die explizit mit Systemkritik operieren. Das ist kein Rechtsruck aus Überzeugung, sondern ein Protest aus Erschöpfung. Global betrachtet verstärkt sich dieser Trend. In den USA wird Donald Trump nicht trotz, sondern wegen seiner Grobheit gewählt – als Affront gegen ein politisch-mediales System, das vielen als selbstgerecht und abgehoben erscheint. In China perfektioniert Xi Jinping einen techno-autoritären Kapitalismus, der Effizienz über Freiheit stellt und damit für viele Staaten des globalen Südens attraktiver wirkt als westliche Demokratien mit langwierigen Entscheidungsprozessen. Russland wiederum zeigt die andere Seite: eine Autokratie, die sich durch Repression, Propaganda und äußere Eskalation selbst am Leben hält – und dabei zunehmend ihre eigene Substanz verbrennt. Die groteske Endzeitphantasie, in der Trump und Xi sich die Welt aufteilen, während Putin sich im Streit mit Kim Jong-un selbst in die Luft jagt, ist Satire. Aber sie berührt einen wahren Kern: Die liberale Weltordnung verliert ihre Selbstverständlichkeit. Nicht, weil Autokraten überlegen wären, sondern weil Demokratien unsicher geworden sind, wofür sie stehen – und wofür nicht. Hinzu kommt eine eigentümliche Utopie, die längst keine Randfantasie mehr ist: die Vorstellung einer bipolaren Weltordnung, dominiert von den USA und China, nicht mehr durch Ideologien, sondern durch Plattformen. In dieser Vision regieren keine Außenministerien mehr, sondern Aufmerksamkeitsökonomien. In Washington übernimmt ein Facebook-Ministerium die Verwaltung der Empörung, segmentiert nach Zielgruppen, Milieus und Kaufkraft. In Peking verantwortet ein TikTok-Ressort den globalen Takt aus Trends, Bildern und algorithmisch kuratierten Sehnsüchten. Politik reduziert sich auf Reichweite, Diplomatie auf Klickzahlen. Konflikte werden nicht gelöst, sondern monetarisiert, Kritik nicht widerlegt, sondern weggescrollt. Während sich beide Machtblöcke in einer permanenten Handels- und Konsumeuphorie austoben, wird die Welt nicht befriedet, sondern sediert. Freiheit bedeutet Auswahl zwischen Marken, Teilhabe reduziert sich auf Reaktion. Die große Erzählung lautet nicht mehr Fortschritt oder Gerechtigkeit, sondern Wachstum bei gleichzeitiger emotionaler Entleerung. In einer solchen Ordnung sind Autokratie und Demokratie kaum noch unterscheidbar – entscheidend ist nicht, wer herrscht, sondern wer den Feed kontrolliert. Neoliberale wie neofaschistische Fantasien speisen sich aus derselben Quelle: der Angst vor Kontrollverlust. Die einen träumen von der totalen Marktsteuerung, die anderen von kultureller Homogenität. Beide versprechen Ordnung ohne Konflikt. Beide blenden soziale Kosten aus. Und beide gedeihen prächtig in Gesellschaften, die politische Fragen in moralische verwandeln. Auch die Schweiz ist von dieser Entwicklung nicht ausgenommen, wenn auch in gedämpfter Form. Die Schweizerische Volkspartei erreicht seit Jahren stabil um die 27 bis 30 Prozent der Stimmen – deutlich mehr als jede andere Partei. Ihr Erfolg speist sich weniger aus Radikalität als aus dem Eindruck, Probleme klar zu benennen, während andere sie umschiffen. Der Unterschied zur EU liegt weniger im Inhalt als in der institutionellen Pufferung: Föderalismus, direkte Demokratie und reale Mitbestimmung wirken wie Stoßdämpfer gegen politische Überhitzung. Doch auch hier gilt: Wo Entscheidungen als entkoppelt vom Volkswillen wahrgenommen werden, wächst das blaue Reservoir. Deutschland wiederum gleicht zunehmend einem Aquarium mit eingefärbtem Wasser: kalt, trüb, normiert. Die „Blauen“ schwimmen darin nicht aus Eleganz, sondern weil die übrigen Parteien das Becken vergiftet haben. Empörung wird zur Choreografie, Demonstrationen zu Farbsynchronisationen, Talkshows zur Lackprüfung. Wer abweicht, gilt als „nicht ganz sauber“. Die Mehrheit lernt schnell: Sag nichts, wähl still. Die Wahlurne wird zum geheimen Malkasten. Wie bedenklich ist die Zukunft? Sie ist nicht apokalyptisch – aber fragil. Demokratien sterben heute nicht durch Panzer, sondern durch Apathie und Arroganz. Durch den Glauben, moralisch im Recht zu sein, statt politisch wirksam. Durch die Verwechslung von Gesinnung mit Gestaltung. Die Punchline ist deshalb unerquicklich logisch: Wenn Politik nur noch aus Warnhinweisen besteht („Achtung, blau!“), dann wählen Menschen nicht trotz, sondern wegen der Farbe. Nicht, weil sie sie lieben – sondern weil alles andere verblasst ist. Oder, gazettenhaft gesagt: Wer Blau zur einzigen verbotenen Farbe erklärt, braucht keinen Farbkreis mehr. Der Wahlabend wird ohnehin monochrom. Grafik: HP Entertainment © 2026 Quelle: Gastkommentar von Susanne Schröter in NZZ Meinung & Debatte: "Die AfD profitiert weiter vom Versagen der deutschen Politik – eine Korrektur bleibt aus" https://www.nzz.ch/meinung/die-afd-profitiert-weiter-vom-versagen-der-deutschen-politik-eine-korrektur-bleibt-aus-ld.1919364
von Hans Pfleiderer 14. Januar 2026
Ich lese gerade das Buch von Anna Mayr „Mein Wohlstand kotzt mich an - Eine Persönliche Abrechnung“. Ich komme gleich zur Sache. Anna Mayrs Satz „Wenn man Geld hat, muss man also akzeptieren, dass andere leiden, während es einem selbst gut geht“ (auf Seite 9 3. Absatz) ist hart, klar, moralisch zugespitzt. Er funktioniert als Punchline, weil er Schuld erzeugt, Verantwortung erzwingt und den Leser nicht ausweichen lässt. Und doch ist er – bei aller analytischen Schärfe – verkürzt. Nicht falsch im politischen Sinne, aber unvollständig im menschlichen. Denn er setzt stillschweigend voraus, dass es ein Leben ohne Leiden gäbe, dass Geld dieses Leiden suspendiert und dass Ungleichheit primär eine asymmetrische Verteilung von Schmerz sei. Genau hier beginnt die Verblendung – nicht nur des Geldes, sondern auch seiner Kritiker. Leiden ist keine soziale Abweichung. Es ist Grundbedingung. Alle großen philosophischen und spirituellen Traditionen beginnen nicht mit Gerechtigkeit, sondern mit Leid. Der Buddhismus spricht von Dukkha: dem grundlegenden Unbehagen des Daseins. Nicht Armut ist Dukkha, nicht Reichtum, sondern Existenz selbst. Geburt, Alter, Krankheit, Verlust, Bindung, Trennung – sie treffen alle, unabhängig vom Kontostand. Geld kann Formen des Leidens verschieben, abschwächen, verzögern, ästhetisieren. Es kann sie aber nicht aufheben. Die Geschichte des Geldes ist deshalb nicht nur eine Geschichte der Ungleichheit, sondern eine Geschichte der falschen Versprechen. Ursprünglich ist Geld kein moralisches Konzept. Es entsteht als Mittel, nicht als Sinn. Als Tauschhilfe, als Speicher von Arbeit, als Zeitbrücke zwischen Bedürfnis und Erfüllung. Erst sehr spät wird es mit Bedeutung überladen: mit Sicherheit, Freiheit, Würde, ja sogar Glück. Genau in diesem Moment beginnt seine metaphysische Karriere – und seine Verblendung. Denn Geld verspricht, was es strukturell nicht halten kann: Erlösung vom Menschsein. Wer wenig Geld hat, leidet häufig an materieller Unsicherheit, an Ausschluss, an Ohnmacht gegenüber Institutionen. Dieses Leiden ist real, brutal, politisch verursacht und politisch zu bekämpfen. Daran gibt es nichts zu relativieren. Aber daraus folgt nicht automatisch, dass diejenigen mit Geld weniger leiden oder gar nicht leiden. Sie leiden anders. Und oft an genau dem, was Geld verspricht zu lösen. Die unerzählte Geschichte des Geldes ist die Geschichte der Verschiebung des Leidens von außen nach innen. Mit wachsendem Wohlstand verschwinden existenzielle Sorgen – aber es entstehen neue Formen der Angst: Verlustangst, Statusangst, Sinnverlust, Entfremdung. Beziehungen werden fragiler, weil sie nicht mehr notwendig sind. Identität wird prekärer, weil sie nicht mehr durch Mangel stabilisiert wird. Wer alles kann, muss ständig wählen – und jede Wahl erzeugt Schuld. Es ist kein Zufall, dass Depression, Suizid und Sucht in wohlhabenden Milieus nicht verschwinden. Sie ändern nur ihr Vokabular. Aus Hunger wird Leere. Aus Kälte wird Isolation. Aus Überleben wird Bedeutungslosigkeit. Das sind keine „mondänen Probleme“, sondern existentielle. Ein verlorenes Haus, ein Auto, eine Partnerin sind keine Dinge – sie sind Projektionsflächen für Sinn, Zugehörigkeit, Selbstwert. Wenn sie wegfallen, fällt nicht Luxus, sondern Identität. Geld macht nicht glücklich. Aber Armut macht auch nicht weise. Die moralische Falle vieler zeitgenössischer Geldkritiken – so berechtigt sie politisch sein mögen – liegt darin, Leiden zu hierarchisieren. Als gäbe es „echtes“ Leiden unten und „unechtes“ oben. Als wäre Schmerz erst dann legitim, wenn er existenziell messbar ist. Diese Hierarchisierung ist verständlich, aber gefährlich. Sie trennt Menschen, wo Gemeinsamkeit beginnen müsste. Denn die eigentliche Verblendung des Geldes ist nicht, dass es Ungleichheit schafft. Das tut jede Ordnung. Seine tiefere Verblendung liegt darin, dass es Leiden individualisiert und moralisiert. Die Armen sollen sich schämen, die Reichen sollen sich schuldig fühlen. Beides verhindert Erkenntnis. Der Arme fragt: Was habe ich falsch gemacht? Der Reiche fragt: Wie kann ich mich entlasten? Beide Fragen kreisen um das Ich. Keine um das System. Und keine um das Menschsein. In diesem Sinne ist der Satz „Wenn man Geld hat, muss man akzeptieren, dass andere leiden“ zwar politisch mobilisierend, aber anthropologisch zu flach. Er suggeriert ein asymmetrisches Leiden, wo in Wahrheit ein universelles vorliegt. Er macht aus Geld einen moralischen Schuldträger – und entlastet damit die viel größere Illusion: dass Glück, Sinn oder Frieden käuflich wären. Die Lehren des Buddha sind hier unbequem aktuell. Nicht, weil sie Armut romantisieren, sondern weil sie Begehren als Ursache des Leidens identifizieren. Geld ist eines der effizientesten Begehrensträger, die die Menschheit je erfunden hat. Es verspricht Kontrolle über Unkontrollierbares: Zeit, Verlust, Tod. Je mehr man davon hat, desto subtiler wird das Begehren – und desto raffinierter die Enttäuschung. Das heißt nicht, dass Ungleichheit hinzunehmen wäre. Im Gegenteil. Politisch muss man gegen Armut kämpfen, nicht weil Reichtum moralisch falsch ist, sondern weil unnötiges Leiden vermeidbar ist. Aber man sollte nicht glauben, dass die Abschaffung von Ungleichheit die Abschaffung des Leidens nach sich zieht. Das ist eine säkulare Erlösungsfantasie – und Geld ihr heimlicher Gott. Vielleicht wäre eine andere Punchline ehrlicher, wenn auch weniger zugespitzt: Wenn man Geld hat, leidet man nicht weniger – man leidet komplizierter. Und vielleicht liegt die eigentliche Aufgabe unserer Zeit nicht darin, Schuld zu verteilen, sondern Illusionen zu entlarven. Die Illusion, dass Glück eine Frage der Mittel sei. Die Illusion, dass moralische Reinheit durch Verzicht erreichbar wäre. Und die Illusion, dass es ein Leben gäbe, in dem es nur den einen trifft und den anderen verschont. Die unerwähnte Geschichte des Geldes ist keine Anklage. Sie ist eine Warnung: Wer glaubt, Geld trenne die Leidenden von den Nicht-Leidenden, hat bereits der größten Verblendung erlegen. Trotz allem ein hervorragend geschriebenes Buch, daher mein Buchtipp: Anna Mayr, Mein Wohlstand kotzt mich an, Taschenbuch, Heyne Verlag, München, 2024, ISBN: 978-3-453-60693-7 Grafik: HP Entertainment © 2026
von Hans Pfleiderer 6. Januar 2026
1. Principles The Allies reaffirm their enduring commitment to the principles of sovereignty, territorial integrity, the rule of law, and collective defence, as enshrined in the Washington Treaty and the Charter of the United Nations. NATO remains a defensive Alliance, united by shared democratic values and a rules-based international order. 2. Recent Developments The North Atlantic Council has taken note of reports concerning recent U.S. actions involving Venezuela, including allegations of a military operation leading to the detention and transfer of President Nicolás Maduro. At the time of this communiqué, no internationally recognized mandate, including authorization by the UN Security Council or proceedings before an international judicial body, has been publicly confirmed. The Allies underscore the importance of clarity, transparency, and adherence to international law in all actions affecting international peace and security. 3. Rule of Law and Use of Force The Allies recall that the use of force under international law is permissible only in accordance with the UN Charter, including the principles of necessity, proportionality, and legal authorization. The conflation of criminal prosecution, military force, and political authority risks undermining the distinction between law enforcement and armed conflict, with broader implications for international stability. 4. Territorial Integrity and Arctic Security The Allies reaffirm their unwavering support for the sovereignty and territorial integrity of all NATO members, including the Kingdom of Denmark and its autonomous territory of Greenland. The Arctic region is of increasing strategic importance. Accelerated climate change, resource accessibility, and emerging sea routes require cooperative security approaches, not unilateral pressure or coercion among Allies. Any challenge to the territorial integrity of an Ally undermines Alliance cohesion and collective deterrence. 5. Alliance Cohesion and Strategic Environment The Council notes that any erosion of trust or unity within the Alliance directly affects NATO’s ability to deter threats and maintain stability across the Euro-Atlantic area. Such fragmentation objectively benefits strategic competitors, including Vladimir Putin, whose policies seek to weaken transatlantic cohesion, and Xi Jinping, whose global posture increasingly combines economic leverage with coercive influence. NATO will continue to address these challenges collectively, proportionately, and in full respect of international law. 6. Climate and Security The Allies recognize climate change as a threat multiplier, particularly in regions such as the Arctic. Environmental degradation, resource competition, and geopolitical rivalry are increasingly interconnected. NATO supports coordinated international efforts to mitigate climate-related security risks while maintaining Alliance readiness. 7. Conclusion The Allies reaffirm that Alliance strength rests on unity, legality, and mutual trust. NATO will continue to: uphold international law, support multilateral institutions, defend the sovereignty of its members, and engage responsibly in a rapidly evolving global security environment. The North Atlantic Council will continue to monitor developments closely and consult as necessary, in accordance with the Washington Treaty. Read more about my comments to this topic on Substack: https://hanspfleiderer.substack.com/publish/post/183663766
von Hans Pfleiderer 28. Dezember 2025
Ich bin so wütend und frustriert. Und natürlich bin ich es auf zivilisierte Weise: mit Tee zum Herzerwärmen, mit Sehnsucht nach Zärtlichkeit, mit kalten Fingern vom Eisblumen-Zählen, irgendwo am Rand eines Jahres, das sich wie ein Ausverkauf anfühlt. Ein wunderschöner Tag, Kunstgalerie, Felder, Freundschaft, dieses leise Einverständnis zwischen Menschen, das nichts kaufen will. Ein Tag, der eigentlich genügt hätte. Doch dann kommt er zuverlässig, dieser Refrain, wie ein schlecht programmierter Jingle: Du bist so vielseitig. Und der Subtext, geschniegelt, geschniegelt bis zur Unkenntlichkeit: Du willst beeindrucken. Wie unerquicklich bescheiden die Gesellschaft geworden ist. Wer mehrere Dinge kann, muss verdächtig sein. Wer sich nicht spezialisiert wie ein Ersatzteil, stört den Warenfluss. Dabei ist Vielseitigkeit nichts anderes als Überlebenstechnik. Psychologisch gesprochen: Anpassungsfähigkeit. Anthropologisch: Jäger-und-Sammler-Software. Ökonomisch: Ressourcennutzung. Aber im Schaufenster der Gegenwart heißt das: Angeberei. Ja, ich baue Häuser. Ich male, ich fotografiere, ich mache Musik. Ich lebe davon. Ja, ich repariere meine Autos, seit ich dreizehn bin, schraube an Motoren herum, weil ich wissen will, wie Dinge funktionieren. Nicht aus Eitelkeit, sondern aus Notwendigkeit. So wie ein Bauer auf seinem Selbstversorgerhof. Dem sagt auch niemand: Du melken Kühe, fahren Traktor, reparieren Zäune, kochen Suppe, zeugen Kinder – wow, wen willst du beeindrucken? Absurd, oder? Aber genau hier beginnt die Satire unserer Zeit: Alles, was nicht gekauft wird, sondern gekonnt ist, gilt als Provokation. Ich probiere mich ständig aus. Nicht, weil ich „muss“, sondern weil Stillstand der wahre Luxus ist – und ich mir den nicht leisten kann. Seltsam nur, dass gerade beim Dating diese Vielstimmigkeit plötzlich als Bedrohung gelesen wird. Kleingehalten zu werden, nennt man das in der Psychologie übrigens nicht Feedback , sondern Abwehr . Wenn ich so bin, wie ich bin, bin ich zu viel. Zu laut, zu bunt, zu vielseitig. Die implizite Wunschfantasie scheint eher zu lauten: Komm im Overall, ölverschmiert, sag „Hey Baby“, reduziere dich auf Funktion, dann Netflix, dann Ruhe. Bitte keine Persönlichkeit, das stört die Abendplanung. Beim zweiten Date – ich hatte mich bereits diszipliniert wie ein dressierter Zirkuslöwe – kreativer Smalltalk, Lächeln, locker, goofy, kein Podium, kein Monolog – kommt das Urteil: kein Herzflattern, lieber Freundschaft, Austausch als Künstlerin mit Künstler. Gesagt in einem Moment der Erschöpfung, wie beim ersten Date. Müdigkeit ist also heute ein Argument. Vielleicht, weil Intensität anstrengend ist, wenn man sie nicht wegscrollen kann. Dann die Kritik: Ich rede zu viel von mir. Ich stelle mich in den Vordergrund. Ich hätte das doch gar nicht nötig. Wie gnädig. Wie pädagogisch. Und währenddessen – Mädels unter sich – wird stundenlang philosophiert und referiert. Über Picasso, Monet, die Moderne, Jane Austen, den neuesten Liebesfilm, das nächste französische Meisterwerk. Kultur als Konversationsware. Analyse als soziale Währung. Niemand nennt das Angeberei, weil es kanonisiert ist. Es kostet nichts, außer Zeit, Falafel und ein Glas Wein. Wer die Film- und Musikindustrie von innen kennt, weiß: Wahrnehmung ist kein romantischer Prozess, sondern Schwerarbeit. Schweiß, Machtspiele, Grenzüberschreitungen, Demütigung. Nichts gegen Method Acting, aber auch Me-too, Dinnerpartys, Suff, Langeweile in Bars, die niemand wirklich mag. Und am Ende dieses Weges steht das Trostpflaster der Konsumgesellschaft: Konkurrierende Streamingdienste für 5,99 € im Monat, Spotify im Abo. Kultur als Sedativum. Leichte Kost. Kein Risiko. Kein Dialog. Nur ein Daumen hoch für den Algorithmus, der dann das nächste passende Gefühl ausspuckt. In meinem Studio hingegen läuft meine Musik. Meine Texte werden vorgelesen. Meine Bilder hängen an der Wand. Nicht kommerziell, nicht gefällig. Mir musst du nicht schmeicheln , sage ich. Sag mir, was nicht funktioniert. Und genau da wird es zu viel. Ehrlichkeit ist unpraktisch. Sie lässt sich nicht pausieren. Also zurück zu Spotify. Zur Konsumhaltung. Zuhören ohne Verantwortung. Kultur ohne Gegenüber. „Keine Beine breit machen müssen“ , denke ich bitter, „das bleibt uns Kulturarbeiter:innen vorbehalten.“ Die Konsumgesellschaft liebt das Ergebnis, verachtet aber den Weg. Sie will das Werk ohne den Menschen. Die Ernte ohne das Feld. Den Applaus ohne die Probe. Ich reiße mir weiterhin den Arsch auf – und wofür? Für eine Bühne? Für Witze? Soll ich jetzt auch noch Comedy schreiben? Das Leben ist längst grotesk genug. Tragisch-komisch, süß und bitter. Und falls ich je eine Ikone würde: Welcher Teenager hängt sich ein Poster von einem Opa an die Wand? Eben. Vielleicht legte ich in meinem Moment der Müdigkeit verlegen meinen Kopf auf ihre Schulter und flüsterte wie ein sprachunbegabter Teenager, "Ich mag dich." Oder hätte ich doch schon beim Spaziergang sagen sollen: "May I hold your hand, baby?" Egal. Träume weiter. Die Konsumgesellschaft wird weiterhin Daumen heben, während andere Hände blutig arbeiten. Nicht erst seit Spotify.
von Hans Pfleiderer 22. Dezember 2025
Ich richte meinen Scheinwerfer heute auf Schurken und Millionäre. Mittags fuhr ich im Auto in meine Werkstatt, was ich häufig tue, eigentlich fast täglich, und hörte – wie immer, mit diesen neugierigen Ohren, die mir schon so viel Ärger eingebracht haben – den Deutschlandfunk. Ich drückte übrigens auf irgendeinen Knopf des Radios. Und was hörte ich da, es dauerte keine zwei Minuten, bis es funkte. Nicht im technischen Sinn, sondern im nervlichen, im zerebralen, im tragödienhaften Sinn. Man brachte einen Podcast mit dem Titel Lawless London . Ich hörte zu. Was sonst. Ich höre zu bis zum bitteren Ende, bis zum jüngsten Gericht. Ich bilde mir ein, man müsse an so etwas Eklatantem dran bleiben, um es später verwerfen zu dürfen. Also hörte ich konsequent zu. Sehr aufmerksam! Und ich hörte vor allem eines: Unsinn. Nicht irgendeinen Unsinn, sondern jenen besonders hartnäckigen, internationalen, transatlantischen Unsinn, der sich mit politischem Pathos auflädt und sich peinlich genau als Analyse ausgibt, obwohl er nichts weiter ist als Geräusch, Geplätscher, Geplapper, gefährlicher rhetorischer Smog. Ich begann irgendwann laut zu schreien. Nicht aus Widerspruch, sondern aus purer körperlicher Notwendigkeit. Ich hatte meine Trompete zu Hause gelassen, was ein Fehler war, denn ich war ja nicht auf dem Weg in den Übungsraum, sondern nur in meine Werkstatt, wo man arbeitet und nicht tönt. Donald Trump und sein immer wieder erstaunlich produktives Umfeld – erstaunlich vor allem angesichts der geistigen Voraussetzungen – hatten erneut eine Unerträglichkeit zum Besten gegeben. Eine, von der man dachte, schlimmer könne es nun wirklich nicht mehr kommen, nur um festzustellen, dass genau das ihr eigentliches Talent ist. Und diese Geschichte schmerzte meinen Allerwertesten ganz gehörig, was ich nicht anders sagen kann. Trump sagt, London sei in die Hände muslimischer Einwanderer gefallen. Erobert wie Troja. Oder belagert wie Stalingrad? Sie hätten der Stadt ihre Kultur übergestülpt, Angst und Schrecken verbreitet, London versinke im Verbrechen. Echt jetzt? Es gebe Stadtteile, in die sich nicht einmal mehr die Polizei wage. Und über den Bürgermeister sagt er pointiert, wie man es an ihm so schätzt: Terrible Mayor. Terrible Man. Und schließlich, als Höhepunkt dieser intellektuellen Bergbesteigung: I hate what happens to London. Das ist kein Befund. Das ist kein Bericht. Das ist ein narzisstisches Wiegenlied in Reinform. Trump schreit nicht, weil er etwas zu sagen hätte, was man ihm vielleicht aus Gewohnheit immer noch unterstellt. Er schreit, weil er nicht zuhören kann. Eine Fähigkeit, die ihm strukturell unmöglich ist. Er bläst seine Trumpet , unaufhörlich, amateurhaft, und er kennt nur einen Ton. Den eigenen. London ist für ihn kein urbanes Gefüge, keine historisch gewachsene Stadt, sondern reine Projektionsfläche. Für Kontrollverlust. Für Überfremdungsfantasien. Für die Kränkung eines Mannes, der sehr wohl spürt, dass die Welt sich weiterdrehen wird, einfach so, auch wenn es um ihn irgendwann still geworden ist. Und Londons Bürgermeister Sadiq Khan wird nicht kritisiert, nein – er wird markiert. Nicht wegen Politik, sondern wegen Symbolik. Terrible Man ist kein Urteil. Es ist ein Code. Und Codes sind immer bequemer als Gedanken. Was Trump rhetorisch vorexerziert, setzen andere ästhetisch fort. Influencer wie Seine Eiligkeit Kurt Caz sind ambulante Erregungsmaschinen, wandern mit laufender Kamera über die Oxford Street und erklären sie zur most infamous street in the UK . Unzählige Handys, oder waren es achtzehn, würden dort täglich gesnatcht, sagen Caz. Etwas liege in der Luft. Something is brewing . Was genau, bleibt offen. Offenheit ist ihr Geschäftsmodell. Der Milliardär instrumentalisiert Angst politisch. Der Influencer monetarisiert sie algorithmisch. Er filmt nicht London, er filmt die Erregbarkeit seines Publikums. Beide liefern dasselbe Produkt: diffuse Bedrohung ohne Kontext, ohne Maß, ohne Verantwortung . Und dann – beinahe unerquicklich nüchtern – meldet sich die Realität. Der Chef von Scotland Yard kommentiert diese Behauptungen mit zwei Worten, ganz unspektakulär: Complete nonsense! Mehr braucht es eigentlich nicht, und doch braucht es offenbar sehr viel mehr, weil Nonsense heute lauter ist als Wirklichkeit. Bei dieser großartigen Gelegenheit, sei ohne Metapher erwähnt, keine Finte, sondern ein banaler Umstand: Ich war gerade selbst in London. Ich schlenderte mit einer überdimensionierten Einkaufstasche in der Hand, darin ein frisch erworbener navyblauer Burberry-Trench, die Oxford Street entlang. Und wissen Sie was? Kein Hahn krähte. Niemand riss mir das Handy aus der Hand. Niemand stülpte mir seine Kultur über. Niemand machte mir Angst. Niemand. Stattdessen dachte ich an Müller-Lüdenscheidt und Dr. Klöbner, die sich über eine Ente in der Badewanne stritten, wie sich die Deutschen nun einmal streiten, wenn sie glauben, es gehe um Wahrheit. Und ich dachte mir: So ist das also. So funktioniert das. Und London tat, was es seit Jahrhunderten tut. Es war laut. Widersprüchlich. Lebendig. Eine Stadt. Kein Mythos. Dass meine Hirnschale dabei nicht abhob wie eine russische Atomrakete mit Putin-Aufkleber, verdanke ich nur einem Umstand: Ich hörte währenddessen das Album Humanity meiner persönlichen Freundin Kennedy . Immer wieder schön. Ungeheuerlich. Musik als Gegengift. Rhythmus statt Rhetorik. Und siehe da: Gelassenheit kehrte ein. Der Puls sank. Die Trumpet verstummte. Denn nichts entlarvt apokalyptische Erzählungen schneller als die schlichte Anwesenheit eines Körpers im realen Raum. Wer wirklich dort war, braucht keine Angstfantasien. Wer wirklich mit beiden Füssen auf der Erde steht, muss nicht raunen. Wer wirklich hört, schreit nicht. London ist keine Erzählung. London ist ein Ort. Und Orte lassen sich nicht wegblasen. Auch nicht von Millionären mit Megafon. Jeder sollte erst einmal vor seiner eigenen Tür kehren. Ende mit einem sanften Lächeln. Smooth sailing, folks. https://www.deutschlandfunk.de/lawless-london-debatte-um-kriminalitaet-100.html
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